Kategorien
Allgemein Außenpolitik Europol Gesellschaft Humanitäres Katastrophenhilfe NATO Polizei Russland Sicherheitspolitik Strategie Unternehmenssicherheit Versorgungssicherheit

Das “unknown unknown” bei Covid-19

Die Methode der “known unknowns” und der “unknown unknowns” beschreibt das Phänomen, mit dem Strategen oft zu tun haben. Planungen sind einfach, wenn sie auf Evidenz beruhen, also auf gesicherten Erkenntnissen aus der Vergangenheit. Selbst dann müssen Planungen nicht immer zutreffen, denn wir bewegen uns zum Beispiel in sicherheitspolitischen und gesellschaftlichen Bereichen in nicht-linearen Systemen. So ist zum Beispiel die Tatsache, dass Deutschland und Frankreich enge freundschaftliche Beziehungen für die letzten Jahrzehnte pflegten keine Garantie dafür, dass dies auch in den kommenden Jahrzehnten so sein wird. Schon die gesicherte Erkenntnis, dass die USA eine starke Schutzmacht für Europa darstellten, wurde obsolet mit der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Dennoch gibt es in demokratischen Systemen strategisch die ausschließliche Möglichkeit, sich auf eine gewisse Linearität einzustellen. Man stelle sich nur vor, Deutschland hätte in Zeiten von Barack Obama damit begonnen, eigene Verteidigungskapazitäten aufzubauen um sich unabhängiger von den USA zu machen. Das hätte zu Dissonanzen geführt. Es wäre eine “self-fulfilling-prophecy” geworden. Oder: Deutschland würde die Wehrpflicht wieder einführen, um sich für einen möglichen Konflikt mit Russland zu wappnen. Dieser würde durch ein solches Verhalten eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher. Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Debatte über Sinn und Unsinn solcher Geldverschwendung. Sich auf das „known unknown“ vorzubereiten – in Demokratien so gut wie unmöglich.
Nun sind Viren keine Menschen. Sie reagieren nicht auf humanoide Strategien. Ein Virus sagt sich nicht “jetzt erst recht”, wenn er merkt, dass sich die Menschheit gegen ihn in Stellung bringt. Man hätte sich vorbereiten können. Eine Pandemie ist jedoch ein “unknown known”. Man weiß, dass es sie gibt und man kann projizieren, dass diese auf Grund der immer größer werdenden Megacities, Klimawandel und schlechter hygienischer Bedingungen im Großteil der Welt wohl in der Zukunft vermehrt geben wird. Dennoch wissen wir nicht, wann und in welchem Ausmaß sie über die Menschheit herfallen werden. Schon dieses eine “unknown” hat genügt, dass sich zwar Militärstrategen mit den Eventualitäten auf rein intellektueller Ebene beschäftigt haben. Eine tatsächliche Vorbereitung für den “Fall der Fälle” hat es jedoch fast nirgendwo gegeben. Insbesondere die westlichen Demokratien haben es nicht für nötig erachtet, vom wirtschaftlichen Erfolg einen höheren Prozentsatz für Intensivmedizin auszugeben, als in ruhigen Zeiten unbedingt nötig. Vorräte anlegen, Puffer aufbauen, Personal bereit halten? Nicht in Demokratien, in denen der Verteilungskampf um jeden Cent stattfindet und in denen die „schwarze Null“ als administrativer Leistungsbeweis gilt. Das arme Personal in Krankenhäusern, Ordnungsämtern, Krisenzentren bis hin zur WHO – personell schon in normalen Zeiten mehr schlecht als recht besetzt, ächzen die Kollegen dort seit Wochen unter der Belastung, ohne dass eine echte Entlastung in Sicht scheint. Denen, auf die es nun besonders ankommt, geht zuerst die Luft aus.
Was erschwerend hinzu kommt ist die Tatsache, dass wir es bei der Entwicklung von Covid-19 (Corona Virus December 19) mit einer “known unknown” zu tun haben. Wir wissen nicht, wie sich der Virus verhält und wie die Pandemie verläuft. Wir wissen lediglich, dass wenn die Zahl der Infizierten exponentiell steigt, es zu einer zwangsläufigen Überlastung der Gesundheitssysteme kommen muss. Also konzentrieren sich die Strategen auf dieses “known” und spielen am “unknown” herum. Das ist, als würde ein Blinder Auto fahren. Er weiß, wie man ein Auto bedient also setzt er sich hinein und gibt Vollgas. Er weiß allerdings nicht, wie die Straße verläuft. Ein Crash ist unausweichlich. 
Dies ist exakt die Situation, in der wir uns zur Zeit befinden. Wir wissen, dass wir die Zahl der Neuinfizierten drücken müssen. Konsequenz: Lockdown. Wir fahren die Wirtschaft vor die Wand. Das kann man tun, wenn man wüsste, wie lange die Maßnahmen andauern müssen. Eine vierwöchige Zwangspause der Weltwirtschaft? Das wäre allein schon ein “unknown unknown”. Hat noch keiner gemacht. Keine Ahnung, was passiert. Gemeinhin spricht man von einer Volkswirtschaft von einem Wirtschaftskreislauf. Dieser Kreislauf läuft nur dann rund, wenn es einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage gibt. Nun sinkt aktuell die Nachfrage in großen Teilen der Wirtschaft auf “Null” (ausgenommen sind Mehl und Toilettenpapier).
So geht aktuell zum Beispiel der gesamte stationäre Einzelhandel in die Knie. Pleiten und Arbeitslosigkeit. Pizzaläden und Steakhäuser sind nicht systemrelevant könnte man sagen. Es geht mit Sicherheit auch ohne. Doch schauen wir mal auf das viel genannte Rückgrat der deutschen Industrie, den Automobilbau. Herbert Diess, der CEO von Vokswagen hat sich ja öffentlich noch sehr verständig für die Maßnahmen der deutschen Bundesregierung gezeigt. Zum Durchhaltevermögen von Volkswagen sei hier das NewsPortal OnVista zitiert: “Zum Jahresende 2019 verfügte Volkswagen über 25,9 Mrd. Euro Cash und Cashäquivalente. Hinzu kommen 16,8 Mrd. Euro Wertpapiere, die Volkswagen bei Bedarf zu Geld machen kann. Bei Bedarf kann der Konzern zudem auf Kreditlinien von rund 20 Mrd. Euro zugreifen. Insgesamt ist die Kriegskasse somit 62,7 Mrd. Euro groß. Das reicht rein rechnerisch, um die genannten Fixkosten für über sieben Monate zahlen zu können. Dabei sollten wir jedoch nicht vergessen, dass Volkswagen auch Gläubiger hat, die bezahlt werden wollen. Die kurzfristigen Schulden beliefen sich Ende 2019 auf knapp 168 Mrd. Dollar. Jedoch besitzt Volkswagen auch noch kurzfristige Vermögenswerte wie etwa Forderungen an Kunden, die mittelfristig zu Geld gemacht werden können.” Wie lange Volkswagen also durchhalten wird? Gehen wir mal im optimistischsten Falle von zwölf Monaten aus. Beziehen wir einen zusammenbrechenden globalen Automobilmarkt mit ein, scheinen vielleicht eher sechs Monate realistisch zu sein. Und hier handelt es sich um die Kronjuwelen der deutschen Wirtschaft.
Nun, wie lange müssen wir einen Lockdown durchführen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen? Hierzu ein zweites Zitat, diesmal vom Imperial College in London: “We show that in the UK and US context, suppression will minimally require a combination of social distancing of the entire population, home isolation of cases and household quarantine of their family members. This may need to be supplemented by school and university closures, though it should be recognised that such closures may have negative impacts on health systems due to increased absenteeism. The major challenge of suppression is that this type of intensive intervention package – or something equivalently effective at reducing transmission – will need to be maintained until a vaccine becomes available (potentially 18 months or more) – given that we predict that transmission will quickly rebound if interventions are relaxed. We show that intermittent social distancing – triggered by trends in disease surveillance – may allow interventions to be relaxed temporarily in relative short time windows, but measures will need to be reintroduced if or when case numbers rebound. Last, while experience in China and now South Korea show that suppression is possible in the short term, it remains to be seen whether it is possible long-term, and whether the social and economic costs of the interventions adopted thus far can be reduced.” (Imperial College London, 16. März 2020, Report 9: Impact of non-pharmaceutical interventions to reduce Covid-19 mortality and healthcare demand)
18 Monate oder mehr. Dies in Bezug gesetzt zur Durchhaltefähigkeit einer Weltwirtschaft, der man in voller Absicht den Stock in die Speichen geworfen hat, bedeutet: Ab dem Monat 6 wird es richtig eng. Dass es angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Privatinsolvenzen und Perspektivlosigkeit zu sozialen Spannungen kommen wird, ist zu erwarten. Ein sicherheitspolitisches “known known”, soweit man dies aus der Vergangenheit ableiten kann. Wie sehr die westlichen Gesellschaften dann weiterhin friedfertig die drakonischen Maßnahmen akzeptieren werden, die erklärtermaßen die Gesunden treffen, um die Kranken zu retten, ist jedoch ein strategisches “unkown unknown”, weil gesellschaftliche Dynamiken eben nicht-linear sind. Es ist ein gewaltiges Experiment, welches die Regierungen gestartet haben, als sie einem Virus den “Krieg” erklärten und als „Waffen“ die Moral und den Anstand ins Felde führen. Wir werden sehen, wie weit uns die gesellschaftliche und internationale Solidarität erhalten bleibt, wenn einzelne Menschen bis hin zu ganzen Staaten vor dem Ruin stehen. Dass die EU-Kommissionspräsidentin schon zu Beginn des Lockdowns an die hohen moralischen Werte der Staatengemeinschaft appellieren muss und Ungarn dennoch ausschert mögen Vorboten sein.