„Die sicherheitspolitischen Verhältnisse haben sich dramatisch geändert.“ Selbst ausgewiesene Sicherheitsexperten schämen sich nicht, mit derartigen Weisheiten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Man stelle sich einen Fußballtrainer vor, dessen Weisheit sich erschöpfen würde mit: „Das Runde muss ins Eckige!“ Das ist zweifellos richtig, sollte jedoch im professionellen Bereich ergänzt werden durch eine leitende Idee für das Spiel, durch eine zielführende Wahl der Mittel (Spieler), eine Planung der Reserve und … last, but not least, eine Strategie, wie man die Saison in Gänze bestmöglich absolviert.

Nun stellen wir mit Verwunderung im Jahr 2021 fest, dass derartige fußballerischen Selbstverständlichkeiten bei Streitkräften nicht adäquat vorhanden sind. Es fehlt an Spielern (Soldaten), an Material und an Trainern mit einer zündenden Idee. Weder werden so Gefechte/Schlachten taktisch gewonnen, noch funktioniert die (wie auch immer geartete) sicherheitspolitische Strategie. In Afghanistan wurden weder dem IS der Garaus gemacht, noch die Taliban geschwächt. Dass von afghanischem Boden keine Terrorgefahr mehr ausgeht ist unwahrscheinlicher, denn je. Sämtliche Krisenherde dieser Welt werden bestenfalls konserviert, aber nie gelöst.

Militärs sind frustriert und geben der Politik die Schuld. Es klingt ein wenig nach Dolchstoßlegende, wenn Soldaten und wohlgesonnene Zivilisten darauf verweisen, dass die Bundeswehr in Afghanistan einen guten Job gemacht hätten. Das Scheitern in Afghanistan jedoch allein der Politik in die Schuhe zu schieben, ist zu einfach.

Verloren in der Spezialisierung

Man muss der Tatsache ins Auge sehen, dass selbst führende militärische Vertreter bis dato nicht in der Lage waren, umfassende strategische Lösungen für die Sicherheit im 21. Jahrhundert zu liefern. Man bedient sich allen Ernstes immer noch der strategischen Schule eines Clausewitz oder SunTzu – und das, ohne mit der Wimper zu zucken. Clausewitz ist seit 190 Jahren tot, SunTsu ist es schon seit 2.474 Jahren. 

Das Wesen des Krieges mag tatsächlich immer noch dasselbe sein. Man müsste jedoch eine kriegsphilosophische Denkweise neu entwickeln, die sich verändernde Umfeldfaktoren, wie technologische Entwicklungen, mit aktuellen sozialgesellschaftlichen und politischen Bedingungen abgleicht. Statt dessen verliert man sich in Spezialisierung und flieht ins Detail. Sicherheitsstrategische Denkschulen gibt es zuhauf. Sie schweben jedoch auf einer allgemeinpolitischen Ebene ohne konkrete Umsetzbarkeit zu liefern. Wie ein Fußballpublikum. Die 60.000 selbst ernannten Trainer auf den Rängen helfen dem Spieler auf dem Feld gar nichts, wenn es darum geht, den Ball im richtigen Winkel und in der passenden Sekunde über die Mauer zu schlenzen. 

Auf der anderen, militärischen Seite, spezialisiert man sich ebenfalls im Detail. Die Jahresberichte zur wehrwissenschaftlichen Forschung des Verteidigungsministeriums sind ein „Eye Opener“. Dort ist die Rede von „Führen mit IT“, „Analyse der Recyclingfähigkeit von thermoplastischen Kunststoffen zur Nutzung bei additiver Fertigung im maritimen Sektor“ oder „Räumliches 3D-Audio zur Verbesserung des Gehörschutzes von Soldaten“.  Alles wichtige Dinge, jedoch klafft zwischen den allgemein-philosophischen Gedanken von ThinkTanks und der akribischen Detailforschung eine große Lücke.

Generäle sollten den „Generalis“ betonen

Grund für diese klaffende Lücke, in der eine neue sicherheitspolitische Strategie immer noch darauf wartet, wachgeküsst zu werden, ist das Dilemma der Zuständigkeiten. In ThinkTanks und in der Politik sind Menschen mit praktischem soldatischen Wissen rar. Darüber hinaus ist zu wenig Bereitschaft, zu erkennen, Systemgrenzen zumindest intellektuell zu überwinden. In bescheidener Selbstbeschränkung empfinden Generale heute ihren Rang als militärische Dienstbezeichnung, nicht als Anspruch, dem „Generalis“ in seinem lateinischen Ursprung gerecht zu werden. Als eine Person, die eben herrscht, weil sie die Dinge in ihrem umfassendsten Sinne versteht und angeht.

Hier liegt die Zuständigkeit, hier müssen systemische Lösungen entwickelt werden, die alle wesentlichen Facetten der Strategie auf ihre Anwendbarkeit in den verschiedensten Lebensbereichen konkret verproben. Die Intellektuellen in den Militärs machen sich Gedanken über Multidomain-Szenarien für die Jahre 2030+. Multidomain bezieht sich (in vorauseilender Selbstbeschränkung) jedoch nur auf die operativen Dimensionen eines Gefechtsfeldes. Politische, soziale Ebenen sind ein Annex. Ein wie auch immer gegebenes Faktum. Unveränderbar – mehr nicht.

Was fehlt, ist Clausewitz richtig zu denken und tatsächlich von ihm zu lernen. Aber nicht allein auf dem Gebiet militärischer Strategie, sondern auf Grund der Tatsache, dass Politik und Krieg ein Kontinuum sind und daher zusammenfassend betrachtet werden müssen. Ein extrem Interdependentes System fragmentiert zu betrachten ist der Kardinalfehler, warum wir im 21. Jahrhundert daran scheitern, unsere Konflikte in den Griff zu kriegen. Clausewitz ist somit veraltet und doch hochmodern.

Es klingt ein wenig nach Dolchstoßlegende, wenn Soldaten und wohlgesonnene Zivilisten darauf verweisen, dass die Bundeswehr in Afghanistan einen guten Job gemacht, die Politik jedoch versagt hätte.