10 Thesen zur Veränderung im Verteidigungsbereich – Teil 4: Warum neue Technologien demnächst wieder verstärkt vom Militär entwickelt werden.

Brauchen Sie einen Kampfpanzer? Nein? Aber vielleicht einen Kotflügel, der sich selbst repariert? Biosensoren, die Ihnen sagen, warum Sie sich unwohl fühlen? Ein Verfahren, wie Sie aus Ihrem Urin Wasserstoff gewinnen können? Eine Orthese, die Ihnen mit ihren künstlichen Muskelfasern aus Plastik neue Kraft gibt? Das alles sind militärische Forschungen, mit offensichtlich konkretem zivilen Nutzen.

Es wird als „Demokratisierung von Technologie“ bezeichnet, wenn Hightech in die breite Nutzung durch weite Teile der Bevölkerung kommt. Moderne Möglichkeiten, wie Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Gentechnik, Biohacking usw. werden demnächst für viele Menschen nutzbar sein. Bei militärischen Entwicklungen dauerte es in der Regel Jahrzehnte, bis diese Technologien zivil nutzbar wurden. Es ist ein Paradigmenwechsel, wenn heute militärische Entwicklungen fast unmittelbar für weite Bevölkerungsteile interessant und erstrebenswert sind. Das also, was man mit „dual-use“ umschreibt. Es ist noch nicht einmal die „Waffenfähigkeit“ von Technik. Darüber wird hinlänglich an vielen Stellen diskutiert. Darüber hinaus sollten 3 neue Aspekte berücksichtigt werden:

3 Konsequenzen

Erstens wird echte Spitzentechnologie zunehmend geschützt werden müssen, um den technologischen Vorsprung so lange wie möglich zu bewahren. Das liegt sehr im Interesse der Entwickler. Schließlich sind diese Erfindungen das Ergebnis jahrelanger Bemühungen und hoher Investitionen. Es liegt aber ebenso im staatspolitischen Sicherheitsinteresse, wenn moderne Technologien eben nur dem Erfinderland zur Verfügung stehen und nicht weltweit zu Markte getragen wird. Ein Gebahren, das ganz diametral zu den Interessen von wirtschaftlich denkenden Unternehmen steht. Diese sind jedoch oft bei neuen technischen Entwicklungen beteiligt. Hier wird es zu einem neuen Kräftemessen kommen.

Zweitens werden nicht-staatliche Interessengruppen (Terrorgruppen, Organisierte Kriminalität) zunehmend Dual-Use-Technologien einsetzen. Eine Tendenz, die tatsächlich dazu führen könnte, dass Staaten ihre Waffenprogramme wieder forcieren, um mit Hochpräzisionswaffen derartigen Dual-Use-Technologien die Stirn zu bieten. Eine neue Rüstungsspirale könnte sich in Gang setzen. Und selbst hier gilt die klassische Definition dessen, was noch eine militärische Technologie ist, nicht. Das USSOCOM führt zum Beispiel klinische Versuche durch, um Verjüngungspillen für seine Spezialkräfte zu testen. Das Altern zurück zu drehen – ein ewiger Traum der Menschheit. Darf man derartige „militärische“ Fähigkeiten der eigenen Bevölkerung vorenthalten? Hier werden neue ethische Diskussionen stattfinden.

Drittens: Insgesamt wird die Digitalisierung des Gefechtsfeldes überdurchschnittlich zunehmen. Viel stärker als in zivilen Bereichen. Immer noch ist es so, dass Staaten erheblich viel mehr Geld in Rüstungsforschung investieren als es zivile Akteure bei ihren Forschungsbemühungen tun können. Zeitgleich steigt die Alltagstauglichkeit von Rüstungsvorhaben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass neue Hightech-Entwicklungen ein Ergebnis von Rüstungsforschung sein werden. Wer hat’s erfunden? Immer öfter wird man in der Zukunft sagen: „Unsere Armee!“

Demnächst Teil 5: Welche Rolle der Mensch noch auf dem Schlachtfeld der Zukunft spielen wird.