Onlinehandel: Widersprüchliche Zahlen zum Identitätsdiebstahl befördern Verunsicherung

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Identitätsdiebstahl ist ein Problem im Online-Versandhandel. Die Haltung der Verbraucher dazu innerhalb der Europäischen Union ist widersprüchlich, ebenso wie es die erhobenen Daten sind.

Das „Internet der Dinge“ (Internet of Things) oder IoT ist (wörtlich genommen) schon seit Jahrzehnten Realität. Dann nämlich, wenn es das Bestellen von Ware geht. Diese Massenbewegung startete tatsächlich schon vor der Verbreitung des Internet. Das Versandhaus Quelle war das erste, welches über den damals beliebten BTX-Service der Fernsehsender Waren „online“ anbot – im Jahr 1983. Diese Art des IoT ist beliebt bei den Deutschen. Virtuell Waren bestellen und sie mehr oder weniger zügig bis an die eigene Haustür geliefert bekommen – ein Komfort, den sich viele nicht mehr aus ihrem Alttag wegdenken können.

Doch genau das tun noch viel zu viele Menschen. Sie vertrauen dem Netz nicht. Und es werden immer mehr. Die Initiative „Deutschland sicher im Netz“ stellt in ihrem jüngsten Jahresbericht fest: „Der Indexwert liegt in diesem Jahr bei 60,9 Punkten – die Sicherheitslage hat sich damit erneut etwas verschlechtert (2017: 61,1 Punkte). Während der Indexwert in den ersten drei Jahren konstant anstieg, verzeichnet er seit 2017 einen Rückgang aufgrund einer verschlechterten Bedrohungslage: Diese entwickelt sich seit zwei Jahren schneller als die Schutz- und Sicherheitskompetenzen.“ Mit anderen Worten: Dass immer mehr Deutsche im Netz sind, ist zwar richtig. Gleichzeitig steigt die Anzahl derer, die dem Ganzen irgendwie misstrauen. Katzenfotos per WhatsApp Hin und Her schicken, dass ist gängig. Online bestellen, mit Kreditkartennummer und allem Drum und Dran, davon halten viele Verbraucher Abstand. 

Das ist geschäftsschädigend für den Onlinehandel. Das „ibi“ Forschungsinstitut an der Universität prognostiziert einen Anteil des Onlinehandels am Gesamten Einzelhandel bis 2023 zwischen 19,8 und 12 Prozent. Der hohe Wert ist optimistisch berechnet, der untere konservativ. Dazwischen liegen Milliarden an Umsatz für den digitalen Einzelhandel. Die von der Branche der Onlinehändler stets verkündeten Rekordzahlen – der Onlinehandel boomt, ohne Frage – beantwortet die folgende Frage nicht: Um wie viel mehr könnte er boomen, wenn die Verbraucher nicht zunehmende Skepsis beschleichen würde?

Die EU-Kommission hat soeben ihren Eurobarometer-Bericht über Internetsicherheit und Cyberkriminalität veröffentlicht. Die Umfrage zeigt, dass die Besorgnis der Europäerinnen und Europäer über die Cyberkriminalität wächst: 79 % der Befragten glauben, dass das Risiko, Opfer von Cyberkriminalität zu werden, größer ist als in der Vergangenheit. Im Online-Versandhandel ist der sogenannte Identitätsdiebstahl ein großes Ärgernis und Verlustbringer. Dabei bemächtigen sich Kriminelle einer falschen (Online-)Identität und bestellen in deren Namen Waren bei den Versendern. Bestenfalls werden diese (wenn Kreditkartendaten vorhanden sind) sogar noch bezahlt. Nur bekommen die echten Menschen, deren Identität missbraucht wurde davon erst zu spät etwas mit und bekommen schon erst recht keine Ware. 

Der EU-Monitor zeigt: Davon haben die Europäer viel Angst. Mehr als 70 Prozent fürchten einen solchen Identitätsdiebstahl. Doch wie viele Menschen in der EU sind tatsächlich schon Opfer solcher Machenschaften geworden. Es handelt sich um 7 Prozent der befragten EU-Bevölkerung. Ob dieser Wert hoch oder niedrig ist, steht auf einem anderen Blatt – die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Gefahr und gefühlter Gefährdung ist jedoch deutlich. Verschärfend kommt hinzu, dass nahezu die gesamte EU-Bevölkerung (95 Prozent) der Überzeugung ist, dass Identitätsdiebstahl ein schweres Verbrechen ist. Kriminelle Aktivitäten in diesem Bereich haben eine hohe Signalwirkung und sind geeignet, das Vertrauen der Bevölkerung in den Onlinehandel weiter sinken zu lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass unterschiedliche Zahlen kursieren. Während die EU-Kommission von 7 Prozent spricht, gehen andere Erhebungen von viel höheren Zahlen aus: „Einer repräsentativen Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC zufolge war bereits 2016 fast jeder Dritte in Deutschland schon einmal Opfer eines Identitätsklaus. Je sechs Prozent berichteten, dass mit ihren Daten ein gefälschter Account angelegt wurde – etwa bei eBay oder Facebook –, oder dass die Kreditkartendaten gestohlen und missbraucht wurden. Drei von zehn der Betroffenen hatten demnach einen finanziellen Schaden erlitten.“ (Quelle: heise online, Bericht vom 15. Februar 2019) Die Zahlen scheinen fragwürdig, widersprechen sie doch denen der EU-Kommission.

Das Verhalten der Verbraucher ist ebenso fragwürdig. Hypothetisch befragt, erklären viele von Ihnen (81 Prozent), dass sie derartige Vorfälle der Polizei melden würden. Das wäre richtig und gut, schließlich können Strafverfolgungsbehörden nur bei Anzeigen davon Kenntnis erlangen und tätig werden. Von denen, den ein solcher Identitätsdiebstahl jedoch schon tatsächlich widerfahren ist, hat sich die überwiegende Mehrheit zwar an Verbraucherschutzorganisationen gewendet, die Polizei aber außen vor gehalten. Identitätsdiebstahl wird zwar von den Europäern als schweres Verbrechen verurteilt. Wenn es jedoch tatsächlich passiert, scheint es jedoch weniger schlimm zu sein und ein Anruf bei der Verbraucherzentrale genügt.

Das alles dient der Sache nicht. Onlinehandel ist schon längst nicht mehr eine nette (aber verzichtbare) Alternative zu üblichen Shoppingmethoden. Identitätsdiebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Der Onlinehandel unterstützt bei der Flexibilität, die Menschen heute beruflich bedingt jeden Tag beweisen müssen, er versorgt in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen, er versorgt zunehmend ganze Regionen mit essentiellen Gütern, zum Beispiel im Osten Deutschlands, aus denen sich der stationäre Einzelhandel aus Kostengründen zurück zieht. Die tatsächliche Gefährdung der Sicherheit im Onlinehandel und die psychologische Wahrnehmung dieser Gefahr in der Bevölkerung sind entscheidend für die Akzeptanz dieser Art des Konsums. Last, but not least spielt die richtige Reaktion der Verbraucher bei solchen Fällen eine entscheidende Rolle. Das alles bestimmt nicht nur über Wohl und Wehe in der Onlinebranche, es bestimmt auch über die Art und Weise, wie wir in der Zukunft sicher leben und konsumieren.

Den vollständigen Bericht der EU-Kommission finden Sie hier: Eurobarometer zur Cybersicherheit