Information – Interdependenz und Reibungsverluste

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Von Mitchell D. White, 23. August 2018

Informationen nehmen einen wichtigen Platz in der Kriegsführung ein. Sie können entweder einen Vorteil bieten aber auch den Blick auf die Realität vernebeln. Informationen sind an sich zunächst eine amorphe Masse, aus der wir alle unser Denken, unsere Vorurteile und vermeintlichen Fakten schöpfen. Die wachsende Informationsflut hat heute dazu geführt, dass Daten schon als das „neue Öl“ der Wirtschaft betrachtet werden. Heute sind die aus Daten gewonnenen Informationen eine Art Ersatzwährung. Auf der taktischen, operativen Ebene stellt das aus Informationen gewonnene Wissen sicher ein Vorteil dar. Doch in größeren, strategischen Maßstäben ist der Nutzen von Informationen heute noch ungewiss. Solange Maschinen noch nicht umfassend begonnen haben, für den Menschen zu denken, bleiben Informationen immer unvollkommen: sie sind eine Quelle für Reibungsverluste und Unzulänglichkeiten, die nur eine Illusion von Sicherheit und Wissen ermöglicht.

In den kommenden Jahren werden das Volumen und die Vielfalt der Informationen zunehmen. Derweil debattieren die Menschen darüber, welchen Nutzen diese stetig anwachsenden Informationen für uns haben, oder ob eine allgemeine künstliche Intelligenz oder elektronische Bankkonten zur Universalwährung werden. Solange jedoch Maschinen noch nicht umfassend begonnen haben, uns die Denkarbeit abzunehmen, bleiben Informationen immer das, was sie auch heute schon sind: unvollkommen. Sie sind eine Quelle für Reibungsverluste, Missverständnisse und Unzulänglichkeiten und ermöglichen nur eine Illusion von Sicherheit und Wissen. Immer mehr Daten verlagern nur das Problem von einem zu wenig an Wissen auf die Herausforderung, das Wesentliche zu erkennen. Von daher sind Informationen zwar weiterhin gute Mittel und Wege auf der Suche nach der richtigen Strategie, sie bleiben aber unzulänglich, wenn es darum geht die richtigen Ziele zu erreichen oder die vorhandenen Informationen richtig zu interpretieren.

Wären Informationen allein in der Lage, konkrete Ziele zu erreichen, wäre der arabische Frühling sicher anders ausgefallen. Die von den Unzufriedenen im Nahen Osten und Nordafrika generierten und verbreiteten Informationen verfehlten außerhalb Tunesiens ihre Wirkung. Sie haben nicht den Weg hin zu Freiheit und Demokratie geebnet. Stattdessen verdeutlichten sie zwar die prekäre Lage in mehreren Ländern, insbesondere in Saudi-Arabien. In Ägypten, Libyen, Syrien und ebenso Saudi-Arabien kam es dann zwar zu Machtkämpfen aber nicht unbedingt zur Absetzung der Regime. Ein höherer Informationsgehalt führt eben nicht a priori zu einem bestimmten Ergebnis. Das Ergebnis war eine ganze Reihe blutiger Schlagabtausche mit unterschiedlichen Ergebnissen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Das Beispiel zeigt: Informationen sind notwendig, aber nicht ausreichend, um die Elemente der Macht zu lenken. Die Nutzung unterschiedlicher Hebel und die Anwendung von Zwangsmaßnahmen sind in der Strategie nach wie vor unerlässlich. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass wirtschaftlicher Zwang heute stärker und effektiver ist, als militärischer Zwang.

History reveals that the financial processes that have come into play since the start of the sixteenth century have facilitated the emergence and consolidation of modern states while, at the same time, in conjunction with increasing international trade, they have pulled national economies into an ever closer and more integrated network of relations

Buzan and Little, International Systems in World History

Paul Kennedys These aus The Rise and Fall of Great Powers ist, dass Großmächte unweigerlich untergehen, weil ihre militärischen Verpflichtungen ihre Produktionskapazitäten übersteigen und die eigentliche wirtschaftliche Stärke dieser Länder untergraben. Die Unvermeidlichkeit ergibt sich aus dem Prozess des relativen Wettbewerbs zwischen einer Großmacht und ihren Konkurrenten und beruht auf systemischem und Einheitsdeterminismus. Die rückläufigen Renditen im Rennen um Wachstum und globale Marktanteile im 21. Jahrhundert, verbunden mit einer zunehmenden Produktivität und Technologie, sind nichts Neues, auch wenn sich der Zyklus noch weiter zu beschleunigen scheint. Historisch gesehen führt das Rennen selbst zu einem Wettbewerb um die Machtausübung und die Verteidigung der Souveränität, da wirtschaftliche Stärke notwendig ist, um die Souveränität zu erhalten. Selbst Nordkorea, das wirtschaftlich extrem schwach ist, erkennt die Notwendigkeit, seine wirtschaftliche Stärke auszubauen, will es auch machtpolitisch überleben. Übersetzt in die Sprache der „DIME“ (diplomatische, informationelle, militärische und wirtschaftliche Macht), wird jedes dieser Elemente nationaler Macht als sich gegenseitig verstärkend dargestellt, mit Informationen als dem zentralen Vermittler zwischen diesen Bereichen. Kennedy betont die Zentralität wirtschaftlicher Macht und ihre Bedeutung für Nationalstaaten.

Europa und insbesondere Großbritannien entdeckten im 18. Jahrhundert, dass Steuereinnahmen des Staates, durch erhöhte Produktivität der Wirtschaft wiederum erhöht werden. Das verbessert die Fähigkeit des Staates, schuldenfrei zu agieren und militärische Macht zu finanzieren. Diese ist wiederum notwendig, um weit entfernte wirtschaftliche Interessen zu schützen und auszubauen. Niall Ferguson stellte fest, dass es die Wirtschaft eines Landes ist, die die Fähigkeit des Staates vergrößert, neue Kriegsziele zu erreichen, jedoch eine abnehmende Bereitschaft hat, dies zu tun. Schon vor langer Zeit warnte Sun Tzu: „Wenn ein Krieg lange dauert, werden die Ressourcen des Staates dieser Belastung nicht gewachsen sein.“ Krieg hat einen Preis, der aus den endlichen Ressourcen der nationalen Wirtschaft bezahlt werden muss. Krieg generiert keine wirtschaftlichen Einnahmen, es sei denn im Rahmen einer Kriegsbeute-Politik. Panzer und Kampfflugzeuge werden jedoch eben nicht so leicht in Pflugscharen umgebaut werden können, die wiederum für die Wirtschaft und Gesellschaft einen Mehrwert generieren könnten. Auch die Annexion eines Zielgebiets ist heutzutage keine akzeptable Option mehr. Die bei einer Intervention anfallenden wirtschaftlichen Kosten werden nicht ausgeglichen werden können, globale Sanktionsregime schaden zudem.

Ohne Beute muss Krieg durch eine allgemein akzeptierte Währung bezahlt werden. Während der Ära des Goldstandards wurden internationale Zahlungen in Gold abgewickelt, wobei Schuldscheine als Gutschrift verwendet wurden. Nach zwei Weltkriegen und dem System von Bretton Woods waren Staatsvermögen und Währungen an Produktivität, Kapitalbilanzen und Zinssätze gekoppelt, die wiederum aus privaten Investitionen und Konsum resultieren. Die Summe des nationalen Handels ist die Basis für die erwarteten Steuereinnahmen. Diese Steuern wiederum werden dazu verwendet, das Vertrauen in öffentliche und private Schuldendienste zu festigen oder Handelsungleichgewichte durch Währungsreserven und Kredite zu minimieren. Die Fähigkeit, Krieg zu führen, ist direkt mit dem Vertrauen in eine Wirtschaft und seine Solidität verbunden.

Interdependenz und Information

Wenn rein auf interne Metriken beschränkte Autarkie oder Annexion noch realistisch wären, wäre die individuelle Fähigkeit eines Staates, seine Wirtschaft zu festigen, eine direkte Unterstützung aggressiver nationaler Kraftprojektion. Das moderne Marktsystem erfordert jedoch eine außerordentliche Interdependenz und Vielfalt, um das Kreditrisiko zu diversifizieren und den Waren- und Kapitalfluss aufrechtzuerhalten. Das schleppende Finanz- und Wirtschaftswachstum nach 2008 ist ein Zeichen für einen Vertrauensverlust in dieses alt hergebrachte Gleichgewicht. Gleichzeitig, wenn auch nicht notwendigerweise unmittelbar damit verknüpft, wird die Fähigkeit, Gewalt zu projizieren, insgesamt auf der Welt in Frage gestellt, bzw. abgelehnt. Die Bereitschaft der Staaten zu militärischen Interventionen ist dementsprechend zurückgegangen. Ebenso haben einzelne Staaten immer weniger die Möglichkeit, die globale wirtschaftliche Konnektivität zu nutzen, um noch eine einseitige Kraftprojektion umzusetzen. Das Ergebnis ist eine höhere Nachfrage nach kleinen, vernetzten Einsätzen (Spezialoperationen) im Gegensatz zu den früheren Großkriegen.

Die Bedeutungsverlust der expliziten territorialen Hegemonie im Gegensatz zu Netzwerken und multilateraler Governance hat zu einer höheren Abhängigkeit von Informationsflüssen geführt. Die Leichtigkeit und Schnelligkeit des Reisens und eine inzwischen entstandene breite globale professionelle Elite haben trotz immer noch vorhandener Reisebeschränkungen eine gewisse Fluidität in der Territorialität selbst geschaffen. Inzwischen ist die zentralisierte Informationskapazität der Nationalstaaten aus dem 20. Jahrhundert modernen Netzwerken gewichen, die zwar Marktströmen, aber nicht unbedingt hierarchischen Staatsinteressen dienen.

Staatliche Reaktionen auf vernetzte Bedrohungen (Fehlinformationen, Cyber-Exploits usw.) können und werden die Kommunikation und das Marktvertrauen schwächen und greifen damit das Wirtschaftssystem direkt an. Doch wie sieht nun der allgemeine Trend für die Zukunft aus? Der finanzielle und politische Preis für die gleichzeitige Aufrechterhaltung einseitiger (militärischer) Kraftprojektion bei paralleler Stabilisierung internationaler wirtschaftlicher Netzwerke steigt. Dies stellt ein Trilemma für alle Großmächte dar: Es müssen Lösungen her für innenpolitische Konflikte, Lösungen für die internationale Sicherheit und Lösungen für die weitere Prosperität der internationalen Wirtschaft. Die Lösung dieses Trilemmas in einem regelbasierten System erfordert eine intensive Zusammenarbeit und Standardisierung. Chinas „Belt and Road Initiative“ ist eine solche Antwort darauf. Hier hat China zum Beispiel eine neue machtpolitische Ordnung auf der Grundlage von Beziehungen organisiert (关系oder guānxi), die jedoch seinen eigenen nationalen Interessen dienen. Die „Belt and Road Initiative“ ist ein Paradebeispiel, wie sich die wirtschaftliche Zentralität Asiens ausgleicht und gleichzeitig die äußere Sicherheit garantiert.

Schon jetzt entdecken chinesische Staats- und Regierungschefs eine Interdependenz zwischen Sicherheitsanforderungen und „Belt and Road“-Entwicklungsprojekten. Dies wird wahrscheinlich zur weitergehenden Anwendung solcher Ansätze in ganz Asien führen. Von „Pax Britannia“ über „Pax Americana“ bis zu den heutigen Ansätzen – alles betont die Fähigkeit, das globale Marktsystem zu nutzen und die eigenen Interessen in diesem System bestmöglich zu verteidigen. Ohne wirtschaftliche Stärke, wird die Fähigkeit, Ergebnisse zu gestalten, abnehmen. Großbritannien entdeckte dies 1956, als die Vereinigten Staaten dessen Suez-Politik nicht unterstützen wollten. Die USA haben das Gleiche in den letzten siebzehn Jahren im Nahen Osten erleiden müssen. Versuche auf staatlicher Ebene, das Pendel durch Informationsprogramme in die eigene, genehme Richtung zu bewegen, haben sich bislang als aussichtslos erwiesen – das hat ihre Bedeutung jedoch nicht verringert.

Mangelnde Kapazitäten für die Machtprojektion in Asien sind auch der primäre limitierende Faktor für den immer wieder drohenden jedoch nicht ausbrechenden Territorialkrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China. Stellen wir uns vor, wie die Gebietsstreitigkeiten zwischen China und Japan heute ausgehen würden, wären die USA nicht 1945 bereit gewesen, ihre Interessen über und mit Japan umzusetzen. Der heutige Wettbewerb zwischen den USA und China ist Resultat des Zugangs zu Märkten und Technologien, die von globalen Lieferketten, Kommunikations- und Finanznetzwerken bestimmt werden, was die Durchsetzung allein politisch-militärischer Interessen erschwert.

Das größte Informationsprogramm, das wahrscheinlich keinen einzelnen Informationsoperationen, psychologischer Kriegsführung oder öffentlicher Diplomatie folgt, ist die Währung eines Landes und ihre Stabilität. Die Geldwährung und ihr Wert an den Finanzmärkten ist ein guter Gradmesser für Effekte, die Solidität und Liquidität von Volkswirtschaften. Der Wert des Geldes beeinflusst den strategischen Spielraum eines Landes, um die notwendigen Investitionen in Sicherheit und Machtprojektion zu ermöglichen. Eine Sicherheit, die keinen „Return on investment“ liefert und sich damit nicht aus sich selbst heraus bezahlt machen kann. Die aktuellen globalen Veränderungen zeigen taktische Neupositionierungen und geben Einblick in die strategischen Mittel- und Machtverschiebungen, die bei der Veränderung ökonomischer Paradigmen auftreten. Wachsende US-Schulden absorbieren den Wert des US-Dollar, während die chinesische Entwicklungsarbeit im Rahmen der „Belt and Road Initiative“ eben mit diesem US-Dollar finanziert wird, was wiederum die Liquiditätskrise des US-Dollars verschärft. Doch kommuniziert China die Notwendigkeit einer Währungsverschiebung durch die Generierung von Dollarschulden, die die Kreditnehmer innerhalb von „Belt and Road“ nur schwer zurückzahlen können? Löst China damit einen Schuldenerlass zu eigenen, China dienenden Bedingungen aus? Wenn ja, wäre dies eine besondere Form der Intervention, die zwar keine militärische Gewalt erfordert jedoch die beteiligten Länder näher an China binden wird.

Wissen, auf der Grundlage von Information kann Leben und Zeit auf dem Schlachtfeld retten, aber das Kapital finanziert immer noch den Krieg. Information ist dabei das Vehikel auf dem das Kapital in die Richtung gelenkt wird, die die höchste Rendite verspricht. Die Vorstellung, dass Informationen die Währung des modernen Krieges geworden sein könnten, mag wahr sein, wenn sich die Informationsquellen diversifizieren und Daten tatsächlich irgendwann qualitativ mit Öl verglichen werden können. Informationswert und Verfügbarkeit bewegen das Kapital und das Kapital generiert reflexiv wiederum mehr Informationen. Die größte Herausforderung des Big-Data-Zeitalters wird die Bewertung der Qualität und die Standardisierung von Informationen sein. Markt- und Intelligenzanalysten vergleichen verschiedene Quellen, um die Eingaben zu bestätigen, bevor sie eine Schlussfolgerung ziehen. Der Kampf in der Analyse ergibt sich oft aus dem „Lärm“, der um die Qualität und Quantität der Quellen gemacht wird, die alles andere als gleich sind. Wenn alle Akteure mit standardisierten Quellen arbeiten würden, könnten wir eine stabile Verteilung der Entscheidungen und eine weitere stabile Verteilung der Ergebnisse aus diesen Entscheidungen erwarten. Das ist es, was von einer Währungsstabilität und Standardisierung erwartet wird – aber die Ergebnisse einer unstrukturierten Entscheidungsfindung unter Unsicherheit sind alles andere als ein Standard. Der immer noch bestehende Zusammenhang zwischen beiden ist der Grund für die derzeitigen Reibungsverluste.

Fazit

Information war schon immer ein kritischer Faktor bei der Ausübung von Macht, aber Information erhält und verbessert sich noch nicht ohne einen Mechanismus, um darauf einzuwirken. Die Bedeutung der Wirtschaft wurde noch nicht durch die der Daten verdrängt, die gegenseitige Abhängigkeit zwischen beiden nimmt stark zu. Die Intensivierung dieser Interdependenz erschwert die militärische Aktion im Informationsraum und konvergiert in Richtung Reformulierung des Gewaltnutzens. Die Fähigkeit, Informationen schnell in Entscheidungen umzusetzen, wandelt sich von einem strategischen Vorteil zu einer Standardanforderung sowohl für Staaten als auch für Privatunternehmen. Die Ironie ist, dass Informationen die Reibungen und Dissonanzen zwischen Staaten und ihren Volkswirtschaften derzeit noch erhöhen und damit aktuell Einfluss auf Wohlstand und Sicherheit nehmen.

Mitchell D. White ist ein ehemaliger Offizier der U.S. Army. Der Beitrag erschien im Original in dem englischsprachigen Portal „The Bridge“.