Die Kunst des Krieges

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Wie kämpfen Menschen in der Zukunft und wer gegen wen?

Die Welt schaut auf Europa, gerade in diesen Tagen. Zumindest, wenn es um Staatenlenker und Einflüsterer geht, die sich mit Krieg und Frieden in der Welt beschäftigen. Die beiden – global anerkannten – „Epizentren“ dieser Debatte sind das „World Economic Forum“ (WEF) in Davos und die Münchener Sicherheitskonferenz (ebd.). Während sich das WEF immer globalpolitisch gibt und natürlich wirtschaftsorientiert ist, geht die Münchener „SiKo“ sehr pragmatisch zu Werke. Themen wie die „Sicherheit in Europa“, Jerusalem und Korea stehen auf der Agenda.

Laut WEF gehören zu den wahrscheinlichsten und gefährlichsten Risiken auf der Erde: Klimawandel, Cyberattacken und Massenvernichtungswaffen. Wobei Letzteres von den befragten Managern zwar als natürlich höchst gefährlich aber doch auch als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt wird. Die gefährlichste Geißeln der Menschheit sind demnach in der Umwelt zu suchen: Wetterextreme, Naturkatastrophen und fortschreitender Klimawandel werden in der Zukunft den höchsten „Blutzoll“ fordern.

Doch ist die Natur ein Feind? Natürlich besteht ein Zusammenhang, wenn Friedens- und Konfliktforscher wiederholt auf die Zunahme von Auseinandersetzungen hinweisen. Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung stellt in ihrem (noch) aktuellen Bericht fest: „Das HIIK untersuchte 402 Konflikte, davon 226 gewalttätige und 176 nicht-gewalttätige. Während die Zahl der umfassenden kriegerischen Auseinandersetzungen leicht zurück ging, stieg die Anzahl der begrenzten Konflikte an.“

Eine Tendenz, die seit langem beständig zunimmt. So stellt Matthew Symonds (The Economist) fest: „In den letzten Jahren sind Kriege zwischen Staaten extrem selten geworden, meist aus Angst vor einer atomaren Auseinandersetzung, auf Grund internationaler Schlichtung oder aus Kriegsmüdigkeit in prosperierenden Staaten heraus. Auf der anderen Seite ist die Zahl innerstaatlicher Konflikte oder Bürgerkriege angestiegen. Klimawandel, Bevölkerungszuwachs und ethnische Konflikte werden dazu führen, dass die Zahl der Auseinandersetzungen weiter steigen wird.“

Auf kriegerische Terminologie übertragen: Wenn die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen zunimmt, wo sind dann die „Schlachtfelder“ der Zukunft? Man schätzt, dass schon in wenigen Jahren zwei Drittel der (schnell wachsenden) Menschheit in sogenannten „Megacities“ leben wird. Soziale Spannungen, religiöse Konflikte werden hier auf möglichst geringen Raum verdichtet. Die Abhängigkeit städtischer Bevölkerung von der reibungslosen Versorgung mit Wasser und Strom ist ebenfalls hoch. Welche Auswirkungen Wetterextreme auf moderne Städte haben, können wir fast stetig beobachten.

Doch was ist also nun die „Kunst des Krieges“, wie sie schon seit Sunzi, also seit mehr als zweitausend Jahren diskutiert wird? Es gilt wohl, zunächst einmal von alten Weisheiten und lieb gewonnenen Ritualen Abstand zu nehmen. Dazu gehört, dass Begriffe wie „Nation“ oder „Staat“ nicht mehr länger geeignet sind, um zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. Als struktureller und ordnender Rahmen hat ein Staat jedoch sehr wohl noch Bedeutung. Das aber vornehmlich in seiner Wirkung nach innen. Vorbei die Zeiten, da sich eine Regierung der Homogenität und Loyalität ihrer Bewohner in der Regel sicher sein konnte. Im Hinblick auf die Entörtlichung des Cyber-Raums sind geographische Denkschemata geradezu grotesk. Begriffe wie die der „inneren“ und „äußeren“ Sicherheit sind demnach längst überholt.

Die neue Art von Konflikten hängt ab vom Wegfall von Strukturen und sinkender Durchsetzungskraft der Regierungen. Staaten und Regierungen können solche Entwicklungen, wie den Klimawandel, leider nur begrenzt beeinflussen. Wohl aber können sie Stärke zeigen bei sozialen Auseinandersetzungen und gegenüber ihren „Stiefkindern“: zum Beispiel den Kriminellen und Terroristen. Organisationen also, die sich für ihre religiösen und finanziellen Ziele das Machtvakuum und die Konzeptlosigkeit zu Nutze machen.

Ein wesentlicher Akteur in diesem Zusammenhang sind Hilfsorganisationen. Vielleicht sind sie sogar noch wichtiger als Panzer und Armeen, denn sie gehen das Übel an der Wurzel an, kämpfen gegen Klimawandel, soziale und religiöse Konflikte meist proaktiv und vorausschauend. Leider sehen diese ihre Rolle schon ‚per definitionem‘ anders –  nicht umsonst titulieren sich viele von ihnen als NGO, als „Non-Governmental Organization“. Die Herausforderungen dieser Welt lösen wir jedoch erst, wenn sich zum Beispiel leitende Repräsentanten der „Bill&Melinda Gates Foundation“ tatsächlich auf Augenhöhe mit den Generalstabschefs der russischen und amerikanischen Streitkräfte begegnen. Zur Kunst des Krieges gehört, die richtigen Allianzen einzugehen. Vielleicht geht die Münchener Sicherheitskonferenz 2018 ja ein Stück mehr in diese Richtung.