Schwangerschaftstest für Pflanzenschutzmittel

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Die Zahl der eingesetzten Pflanzenschutzmittel in Deutschland steigt. Vom Boom profitieren auch Fälscher und Betrüger. Die Branche ist weltweit am meisten von Schmuggel und Produktpiraterie betroffen. Der Staat sucht jedoch nach der „Nadel im Heuhaufen“.

Der Inlandsabsatz an Pflanzenschutzmitteln steigt. Im Jahr 2015 lag er bei insgesamt 123.203 Tonnen. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren es noch 94.383 Tonnen. Immer effizientere Prozesse und ein starker Preisdruck verlangen nach Optimierung bei der Lebensmittelproduktion. Aber optimiert wird nicht nur das Wachstum der Pflanzen. Auch feilt so mancher Produzent an seinem Einkauf und greift gerne auf möglichst günstige Pflanzenschutzmittel zurück. Ein Einfallstor für Betrüger.

14 Prozent sind gefälscht 

Das „European Union Intellectual Property Office“ (EUIPO) ist für den Schutz von Markenrechten zuständig. Laut EUIPO-Direktor, António Campinos gibt es nichts, was es nicht auch gefälscht gibt: „Schmuggel und Produktpiraterie betreffen jeden Wirtschaftsbereich. Die Branche der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln ist hier leider keine Ausnahme.“ Im Gegenteil. Pflanzenschutzmittel werden häufiger gefälscht als Handtaschen. Die Branche ist Spitzenreiter im Vergleich zu Fälschungsraten bei Arzneimitteln, Sportartikeln oder Schmuck. Jüngsten Zahlen des EUIPO zur Folge beläuft sich der Schaden für die Branche europaweit auf rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind knapp 14 Prozent des gesamten Umsatzes. In Arbeitsplätzen gerechnet sind das rund 12.000 Jobs, die durch Schmuggler und Betrüger zerstört werden.

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Auswirkungen von Schmuggel und Produktpiraterie auf Branchen (Quelle: EUIPO)

Instinkt und Erfahrung

Knapp 9 Millionen Container passieren jedes Jahr den Hamburger Hafen. Wie hoch die Zahl der über Hansestadt eingeführten Pflanzenschutzmittel ist, weiß man nicht. Sicher ist jedoch die Anzahl der Mitarbeiter, die sich um Agrarchemikalien im Hamburger Hafen kümmern. Es sind lediglich zwei Personen. Gregor Hilfert und sein Kollege von der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg haben im vergangenen Jahr 151 Container kontrolliert. Das klingt wenig aber sie gehen selektiv vor. Die Experten konzentrieren sich auf Container bei denen der Verdacht besteht, dass sie überhaupt Pflanzenschutzmittel beinhalten. Schmuggler und Betrüger weisen diese mitunter sehr gefährlichen Stoffe natürlich nicht als solche aus. Also ist ein guter Riecher gefragt. Datenquellen sind die Gefahrgutdatenbank der Wasserschutzpolizei und die „Import-Message“-Plattform der Reeder. Diese werden ausgewertet und Verdachtsfälle lokalisiert. Gerade kommt Hilfert von einem Einsatz zurück. „Wenn Packliste und Rechnung sich auf über 125.000 Euro belaufen aber der Inhalt nur als „Chemical Compound“ angegeben ist – da schrillen bei uns die Alarmglocken.“ Auch deutete der Name des Versenders auf Agrarchemikalien hin. „Das war dubios und hat uns animiert, genauer nachzuschauen. Was wir dann gefunden haben waren Säcke, Fässer und Trommeln mit rund 15 verschiedenen Produkten, natürlich falsch deklariert.“ Ein Volltreffer also. „Ob und welches Gefahrgut sich dahinter verbirgt, werden die Laboranalysen zeigen“, so Hilfert. Beneiden kann man die beiden Mitarbeiter der Hamburger Wirtschaftsbehörde nicht. Der Job ist gefährlich. „Wenn hochgiftige Stoffe falsch deklariert um die Welt geschickt werden und am besten auch noch die Umverpackungen Schaden nehmen, dann können brisante Gase entstehen.“ So einen Container öffnet man nicht gerne, wenn man nicht gerade auf Gefahrgut spezialisiert ist und über eine entsprechende persönliche Schutzausrüstung trägt. Viele Warenlieferungen bleiben schon aus diesen Gründen unkontrolliert.

Internationales Geschäft

Deutschland war mit einer der ersten Staaten, der sich des Themas angenommen hatte. Dennoch gibt es erst seit 2009 überhaupt Aktivitäten in diesem Bereich. Gregor Hilfert ist einer der Beteiligten der ersten Stunde: „Schmuggel und Produktpiraterie gab es sicher immer schon. Aber die Dimension ist inzwischen eine andere. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sind die Produktionskapazitäten in China rasant gewachsen – und damit auch der Betrug.“ Internationale Firmennetze arbeiten Hand in Hand zusammen, um die Staaten und ihre Strafverfolgungsbehörden grenzüberschreitend auszutricksen. Hamburg ist für die Schmuggler natürlich eine wichtige Drehscheibe aber mitnichten der einzige Zugang zu Europa. Insgesamt existieren 30 Häfen mit direkten Schiffsverbindungen nach und von China. Die sogenannten „Inverkehrbringer“ sitzen meist dort. Die Mehrheit geschmuggelter und gefälschter Agrarchemikalien kommt aus dem Reich der Mitte. Während jedoch große Häfen wie Hamburg oder Rotterdam sich wenigstens dem Thema annehmen, sind in kleineren Häfen lediglich normale Zöllner ohne spezielles Wissen und Erfahrung am Werk. Und hat die Ware einmal den Weg nach Europa gefunden, sind nachgelagerte Kontrollen innerhalb des europäischen Binnenmarktes sehr unwahrscheinlich.

Umverpacken erlaubt

Ein weiteres Risiko sieht Hilfert auch darin, dass das Umverpacken von parallelgehandelten Pflanzenschutzmitteln ausdrücklich erlaubt ist. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit schreibt dazu: „Die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 geht davon aus, dass Pflanzenschutzmittel in der Originalverpackung des Ursprungsmitgliedsstaates einzuführen sind. Ein Umverpacken kann im Hinblick auf die Gewährleistung des freien Warenverkehrs notwendig sein.“ Was das bedeutet, ist klar: Das Umfüllen von Chemikalien ist praktisch für Händler. Können die Stoffe doch so in großen Containern und Tanks verschifft und vor Ort in handelsübliche Gebinde umgefüllt werden. Es bedeutet aber auch, dass die Verpackung und ihre Markenkennzeichen dann eben keine verlässlichen Rückschlüsse auf den tatsächlichen Inhalt zulassen.

Einige Hersteller arbeiten daher inzwischen mit sogenannten Markern. Sie fügen der Chemikalie gewisse Zusatzstoffe zu, die eine Prüfung der Originalität mit Hilfe einer Pipette ermöglichen. Ähnlich einem Schwangerschaftstest zeigt sich dann, ob der Stoff tatsächlich echt ist. Das setzt allerdings voraus, dass man aktiv sucht und überhaupt prüft – eine Seltenheit in Europa.