Wassersicherheitsstrategie: Alte Strukturen aufbrechen

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Von Alexandra Campbell-Ferrari und Luke Wilson

Wasser ist eine wesentliche Ressource für unser Überleben und Lebensqualität, doch den meisten Länder auf der Welt fehlt eine klare Strategie für dessen Schutz und Verteilung. Steigender Verbrauch, eine wachsende Weltbevölkerung und klimatische Veränderungen und damit einhergehend sich verschiebende Häufigkeit und Intensität der Niederschlagsraten haben ihre Auswirkungen. Bei fortdauernder Untätigkeit wird das ernsthafte Auswirkungen auf unsere nationale Sicherheit, Wirtschaft und Umwelt haben.

Da die USA nun ihre erste Wassersicherheitsstrategie unter dem „Paul Simon Water for the World Act“ von 2014 entwirft, brauchen wir ein klareres Verständnis dafür, was Wassersicherheit eigentlich bedeutet, wie wir vom Wasser abhängig sind und wie die bestehenden Gesetze diesen Realitäten tatsächlich entspechen. Was ist die richtige Balance zwischen Aufsicht und Schutz? Welche Themen sollten angesprochen werden, wie interagieren sie miteinander und was sind die Mechanismen, um Kompromisse zu finden?

Dies sind nur einige der Fragen, die wir im Laufe der „Water Security Challenge“, einer Reihe von White Papers und Workshops, die vom Zentrum für Wassersicherheit behandeln werden, um ein tragfähiges Konzept der Wassersicherheit zu entwickeln . Jedes dieser White Papers analysiert die Matrix von Gesetzen, die die Versorgungssicherheit mit sauberem Trinkwasser regeln. Das endgültige Ergebnis diese Prozesses wird Empfehlungen beinhalten, wie sie ein umfassender Wassersicherheitsrahmen aussehen könnte.

Definitionen und kritische Facetten

Es gibt viele Dimensionen der Wassersicherheit – wir haben mindestens 10 als Teil dieses Projekts gezählt. Das Zentrum definiert Wassersicherheit als die Fähigkeit, die Verfügbarkeit von Wasser in einem solchen Maße zu gewährleisten, das ausreicht, um Leben zu bewahren und Wasserquellen zu schützen.

„Die moderne Gesellschaft hat die Komplexität bei der Versorgungssicherheit erhöht und das muss sich in unserem Ansatz nun widerspiegeln.“

Die wesentliche kritische Facette der Wassersicherheit ist selbstverständlich, dass Wasser die Grundlage von Leben ist. Menschen ohne Nahrung sterben innerhalb von einer Woche. Ohne Wasser würden sie nur drei Tage überleben.  Zweitens haben sich Gesellschaften weiter entwickelt. Unsere Existenz beruht auf Energie für die Stromversorgung von Computern, Satelliten, GPS, Krankenhäusern und Straßenlaternen – Energie, die riesige Mengen an Wasser bei ihrer Produktion verbraucht. Auch unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden sind durch eine funktionierende Wasserinfrastruktur geschützt, die sauberes, sicheres Trinkwasser braucht und für den Abtransport lebensbedrohlicher Abfälle sorgt. Unsere Landwirtschaft hängt von zeitgesteuerten Bewässerungssystemen ab, die Grundwasser regulieren. Komplexe Systeme von Dämmen und Wasserreservoirs erhöhen die Komplexität. Unsere modernen Gesellschaften sind vielschichtig vom Wasser abhängig und diese Komplexität muss sich in unserem Ansatz für die Wasserwirtschaft und die Bereitstellung sauberen Trinkwassers widerspiegeln. Zudem haben sich unsere Gesellschaften so weit entwickelt, dass es für viele gar nicht mehr um die Deckung von Grundbedürfnissen geht. Aber diese Stufe gesellschaftlicher Entwicklung ist auf einer sicheren Wasserversorgung gegründet. Heute ist es eher die Überbeanspruchung und Verschwendung von Wasser, die Anlass zu größter Sorge gibt. Der Umgang mit Wasser kann im Einzelfall betrachtet sogar sinnvoll sein. Wenn er aber in den Zusammenhang gestellt wird mit dem generellen Umgang mit der Ressource Wasser, ergeben sich Fragezeichen. Ein nachhaltiger Ansatz setzt die verschiedenen Verwendungen von Wasser miteinander in Bezug und führt somit zu einer neuen Gewichtung.

Ein weiterer Aspekt: Die Lebensquelle Wasser kann ebenso auch zerstörerisch wirken. Zu wenig ist genau so gefährlich wie zu viel oder zu schmutziges Wasser. Fast 800 Millionen Menschen haben bereits keinen Zugang zu sicherem, zuverlässigem Trinkwasser – und das nicht nur im Ausland. Die Krise in Flint zeigte, wie verwundbar einige Gemeinden in den USA sind und wie der Verfall von Infrastruktur unsere Gesundheit und unseren Lebensstandard zerstören kann. Die Erreichung der globalen Wassersicherheit bedeutet, diese Ungleichheit zu bewältigen und gleichzeitig den Herausforderungen der steigenden Nachfrage und der zuverlässigen Versorgung gerecht zu werden.

Ein neuer Systemansatz

Unsere aktuellen Gesetze müssten diese komplexe Definition der Wassersicherheit mit ihren vielen Facetten widerspiegeln. Der bisherige Ansatz war es allerdings, Wasserfragen als Einzelfallbetrachtung zu behandeln. Wasser entweder als Quelle der Nahrungsmittelunsicherheit, oder als Ursache von Konflikten und als Auslöser von Völkerwanderungen, als Frage des Umweltschutzes, als Ursache von Energie-Blackouts und als Hindernis für den Durchbruch des Armutskreislaufs. Einzelne Probleme, die jedoch miteinander im Zusammenhang stehen.

Beispiel: Der 1972 verabschiedete „Clean Water Act“ verlangt eine Genehmigung, bevor verschmutzende Stoffe in den Wasserkreislauf eingebracht werden. Das hat geholfen. Wegen dieses Gesetzes sind mehr als 60 Prozent der Wasserstraßen heute fischbar und für Schwimmer geeignet, im Vergleich zu nur 40 Prozent im Jahr 1972. Aber durch die mangelnde Berücksichtigung von Einleitungen aus sogenannten „Nonpoint-Quellen“ bei diesem Gesetz, beschränkte die Regierung sich selbst bei der Regulierung landwirtschaftlicher Nährstoff- und Sedimentabflüsse. Landwirtschaftliche Nutzung und ihre Folgen ist jedoch heute der größte Wasserverschmutzer, im Inland und weltweit.

Dies sind die vielschichtigen Einflüsse, Ursachen und Wirkungen, die wir bei der Entwicklung von Wassersicherheitsstrategien neu verstehen und berücksichtigen müssen. Bestehende Gesetze und Regulierungen stehen diesem umfassenden Verständnis und seiner rechtlichen Würdigung im Wege. Sobald die Bezüge untereinander verstanden werden, werden wir zeigen können, ob die Matrix der bisherigen Gesetze tatsächlich ein wirksames System zur Unterstützung der Wassersicherheit sind oder ob wir anfangen müssen, ein anpassungsfähiges Wassersicherheitsrahmenwerk zu erarbeiten.

Alexandra Campbell-Ferrari ist der Direktor des Zentrums für „Water Security and Cooperation“  und unterrichtet Wasserrecht an der University of Maryland Carey School of Law und der American University Washington College of Law.

Luke Wilson ist der stellvertretende Direktor des Zentrums für „Water Security and Cooperation“ und Professor an der George Washington University Law School und der Elliott School of International Affairs.

Gekürzte und übersetzte Version. Text im Original erschienen unter: https://www.newsecuritybeat.org/2017/03/breaking-water-security-build/