Innovation in der Logistik

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Oft wird nur kritisiert, wenn es um „Sicherheit“ geht. Sicherheit als Mangelware. Viel konstruktiver ist es jedoch, Sicherheit von den Möglichkeiten her zu denken. Das gilt auch für die Logistik. Die IISW sprach mit Professor Knut Blind vom Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS.

Welche Forschung unternimmt das Fraunhofer FOKUS derzeit auf diesem Gebiet? Worin besteht das Forschungsinteresse? 

Für Fraunhofer FOKUS ist das Thema IT-Sicherheit ganz wesentlich. Wir haben hier verschiedene Forschungsinteressen: Im Bereich sichere Identitäten für Personen hat FOKUS bei der Konzeption und Entwicklung des neuen elektronischen Personalausweises mitgearbeitet. Im Innovationscluster „Next Generation ID” arbeiten wir mit Partnern aus Unternehmen und Wissenschaft daran, Verbraucher vor gefälschten Produkten oder Identitätsdiebstählen zu schützen, die Warenkette sicher zu verfolgen oder autonome Fahrzeugkommunikation zu ermöglichen. Darüber hinaus hat FOKUS eine Reihe von wissenschaftlichen Studien und Positionspapieren im Bereich Track&Trace erstellt. Und das nächste wichtige Thema ist ganz klar, die sichere Identität von Dingen, im Sinne des Internet of Things (IoT). Mit dem IoT-Testzentrum werden bei FOKUS Interoperabilitäts-, Last- und Sicherheitstests von IoT-Lösungen durchgeführt.

Welche technischen Entwicklungen hat es bisher gegeben? (Sicherheitsmerkmale sowie Nachverfolgung entlang der Lieferkette) 

Angesichts globaler Handelsströme werden Lieferketten immer komplexer und angreifbarer. Zurzeit sind hauptsächlich zwei Ansätze erkennbar, die hier Schutz vor Fälschung bieten sollen: einerseits werden Produkte mit (sichtbaren und unsichtbaren) Sicherheitsmerkmalen versehen, andererseits werden Produkte mit individuellen Produktnummern gekennzeichnet, die in einer Datenbank gespeichert werden. Nur über die Produktnummer (auf Barcode, 2D- Code, Dotcode oder RFID-Chip) oder über die Sicherheitsmerkmale, bzw. über eine Kombination aus beidem kann man ein Original erkennen. Weiterer Vorteil dieses Track&Trace-Verfahrens: Produkte können über die Logistikketten hinweg nachverfolgt werden. So weiß man nicht nur, wo sich welches Produkt befindet, sondern auch wohin es soll und woher es kam. Das ermöglicht eine effektive Bekämpfung von Produktfälschungen.

Wie hoch ist das Potential dieser technischen Ansätze zur Bekämpfung von Produktpiraterie? Worin liegen noch die Herausforderungen? 

Insgesamt ist das Potential dieser technischen Ansätze zur Bekämpfung von Produktpiraterie groß. Man versucht über verschiedene Wege an Fälscher heranzukommen. Zunächst über die Produktnachverfolgung. Hier stellt sich die Frage: Gibt es das Produkt? Ist der Weg des Produkts sauber? Dann über die Sicherheitsmerkmale. Hier stellt sich die Frage: Ist das Sicherheitsmerkmal korrekt und passend? Diese kombinierten Ansätze sind deutlich schwerer zu umgehen als einzelne Ansätze. Sehr groß ist das Potential vor allem bei der Verhinderung des Eintritts von Fälschungen in die legalen Märkte und bei der Unterstützung der Ermittlungsbehörden. Eine komplette Ausschaltung von Fälschungen wird es aber nicht geben. Gerade, wenn Kunden bewusst solche Waren nachfragen. Eine Herausforderung ist die permanent notwendige Innovation und Weiterentwicklung der Technologien, aber auch der Managementstrategien und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Wie können die Prozesse entlang der gesamten Lieferkette effizient gestaltet werden? Wieso sollte Interoperabilität dabei der Maßstab sein? Welche Rolle nimmt dabei die Standardisierung ein? 

Die ursprünglichen einfachen Lieferketten mit ein bis zwei Stufen haben sich inzwischen zu global verteilten Wertschöpfungsketten entwickelt. Um die Material- und Warenströme effektiv und effizient zu gestalten, sind entsprechende Schnittstellen zu definieren. Große Unternehmen setzen dabei oft auf unternehmensinterne Standards bzw. Werknormen. Jedoch sind offene Standards und Normen besser geeignet, in den Lieferketten flexibel auf den Ausfall von bestimmten Zulieferern zu reagieren, bzw. diese für einen größeren Kreis von Unternehmen zu öffnen. Ferner erhöht eine große Anzahl unterschiedlicher Systeme für das Auslesen der Identifikatoren und Sicherheitsmerkmale den Aufwand der Prüfungen. Einheitliche, standardisierte Auslesesysteme und eine einfache Überprüfung der Echtheit können zusätzlich bei der Ermittlung von Fälschungen helfen.

Wie kann die Komplexität entlang der Lieferkette gesenkt werden?

Um die Komplexität entlang der Lieferkette zu senken, ist es sinnvoll, ein möglichst hohes Maß an Standardisierung anzustreben. Dabei sollte zwar die individuelle Auswahl der Datencarrier möglich sein, die Scanprozesse aber möglichst nicht differenziert werden müssen und mit einheitlicher technischer Ausstattung möglich sein. Die Schnittstellen und Datenschemata sollten indessen keine großen Anpassungsbedarfe erfordern, selbst wenn das Attributset individuell erweitert wird. Technische Standards und Best Practices bieten dabei nicht nur eine Lösung von Problemen im Bereich der Interoperabilität, sondern helfen auch Synergieeffekte zu heben.

Wieso ist in diesem Bereich die stetige Innovation notwendig? 

Nun, Fälscher schlafen nicht, was man auch am gestiegenen und trotz der Entwicklung und dem Einsatz von Sicherheitstechnologien nicht gesunkenem Ausmaß an Fälschungen sieht. In den vergangenen Jahren haben wir einen ständigen Wettlauf zwischen Fälschern und Herstellern von Sicherheitsmerkmalen gesehen. Wir müssen verhindern, dass Fälscher Sicherheitsmerkmale kopieren oder andere neue Fälschungsstrategien verfolgen. Und dafür brauchen wir stetige Innovation in diesem Bereich. Neben den technologischen Möglichkeiten, die Lieferketten sicherer zu machen, wird es aber auch darum gehen müssen, die passenden Rahmenbedingungen durch gemeinsame organisatorische und technologische Koordination zu schaffen, um das Fälschungsaufkommen langfristig zu reduzieren.