Von der Cloud zur Blockchain?

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Firmen, wie Microsoft und IBM setzen auf den neuen Technologie-Trend und bieten „Blockchain-as-a-Service“ (BaaS). Die provokante These: „Die alte Cloud ist tot, willkommen in der neuen Blockchain“.

Was steckt eigentlich hinter der Blockchain-Technologie und wie kann sie Netzwerkdienste sicher(er) machen? Zunächst: Bei der neuen Technik geht es grundsätzlich „nur“ um die Speicherung von Daten. Diese möglichst sollen allerdings möglichst sicher abgelegt werden. Aktuell bieten zentrale Systeme (Clouds) zwar logistische Vorteile, sind aber meist ebenso leicht zu hacken. Wenn Kriminelle einmal „in der Cloud“ sind, können sie allen Daten abgreifen. Die Blockchain setzt hingegen auf Dezentralisierung. Man muss sich das Prinzip wie folgt vorstellen: Eine Reihe von Datensätzen (Blocks, bzw. Blöcke) bezieht sich über ganz individuelle Datensätze immer jeweils auf seinen Vorgänger- bzw. Nachfolger-Datensatz. Diese sogenannten „Hash“-Sätze bilden die Verbindung zwischen den Blocks, also die „Chain“. Damit entsteht eine dezentrale Datenbank mit einer stetig wachsenden Liste von Transaktionsdatensätzen.

Erstmals wurde die neue Technik zur Absicherung der Bitcoin-Währung eingesetzt. Jede einzelne Transaktion erzeugt dabei einen neuen Datensatz, der im Rahmen eines Datensatz-Verzeichnisses allen Nutzern zur Verfügung gestellt wird. Während die konkreten Inhalte der Transaktion verschlüsselt bleiben, benötigen alle weiteren Transaktionen den vorherigen Vorgang, um sich auf ihn beziehen zu können. Der Clou: Man braucht keine externe Instanz mehr zur Zertifizierung, das System ist selbstreferentiell und authentifiziert sich selbst. Kosten für externe Dienstleister bei Transaktionen fallen weg: Banken, Markenrechte, Normierung und Registrierungsstellen – all das scheint in Zukunft verzichtbar. Sicher und günstig – es klingt wie eine win-win-Situation, zumindest für die Anwender. Wo jedoch liegen die Risiken?

Wie so oft liegt die größte Gefahr in der Nicht-Anwendung. Traditionelle Branchen mit festgezurrtem inneren Gefüge verhindern die möglichst schnelle Einführung. Die Logistik ist, wenn auch sicher teilweise hoch innovativ, eine solche „kleinteilige“ Branche. Viele kleine und mittlere Akteure scheuen die Aufwände oder stehen der neuen Technik grundsätzlich kritisch gegenüber. Skepsis bei der Einführung scheint jedoch auch angebracht zu sein: Viele Anwendungen, die auf dem Prinzip von Blockchains beruhen, sind selbst noch in der Erprobungsphase und damit weit von einer resilienten Alltagstauglichkeit entfernt.

Das FVS sprach mit Dr. Ulrich Franke. Er ist Gründer und Leiter des Institutes for Supply Chain Security und berät seit über 10 Jahre führende Konsumgüterhersteller als auch mehrere große Einzelhandelsunternehmen zu Fragen der Sicherheit in der Lieferkette.

FVS: Herr Dr. Franke, Sie gelten als großer Sympathisant dieser neuen Technologie. Warum?

Im Supply Chain Management geht es um das Management von physischen Materialströmen sowie den begleitenden Informations- und Finanzflüssen entlang von unternehmensübergreifenden globalen Wertschöpfungsketten. Auf der einen Seite wird die neue Blockchain-Technologie diese Informations- und Finanzflüsse sicher machen, so dass Informationen nicht mehr gestohlen oder manipuliert werden können. Ohne dieses hohe Level an IT-Security wird Industrie 4.0 nicht möglich sein. Auf der anderen Seite ergeben sich durch die fortschrittliche Blockchain-Technologie auch neue Möglichkeiten, Supply Chains zu konfigurieren, agiler und wesentlich effizienter zu machen. Durch die Digitalisierung von Produkten, Produktions- und Logistikprozessen wird sich die Art und Weise der Generierung physischer Produkte und Dienstleistungen dramatisch verändern.

FVS: Was heißt das für die Zukunft?

Unsere bisherige Industrie war davon geprägt, in großen Produktionseinheiten in Masse zu produzieren. Diese Art und Weise der Güterproduktion war hauptsächlich der Immobilität von Informationen und den mangelnden Kommunikationskanälen geschuldet. Mit den neuen IT-Möglichkeiten werden wir eine zunehmende Dezentralisierung der Produktion bei gleichzeitiger Individualisierung der Produkte erhalten. In einigen Bereichen hat die Zukunft schon begonnen und Blockchain wird diese Entwicklung noch weiter beschleunigen.

FVS: Und wie sieht es gegenwärtig aus? Gibt es schon heute konkrete Anwendungsfelder der Blockchain-Technologie in Logistik und Supply Chain Management?

Ja, auf jeden Fall! Im Prinzip kann man alle kritischen Daten in Unternehmen und über Unternehmensgrenzen hinweg schützen. So können z. B. Patente, Konstruktionszeichnungen und Rezepturen an Lieferanten geschickt werden, ohne dass diese durch Hacker abgefangen werden. Es lassen sich auch komplette Produktionsketten digital darstellen, ohne dass diese nachträglich manipuliert werden können. So lassen sich beispielsweise sich nachhaltige Supply Chains dokumentieren. Oder im Gesundheitsbereich können gesicherte Patientendaten zu individuellen Medikationen und Therapien führen. Man muss sich einfach nur mal hinsetzen und über diese gewaltigen neuen Möglichkeiten nachdenken. Einige wenige machen das schon – und die werden zukünftig einen Wettbewerbsvorteil haben.

Vielen Dank, Herr Dr. Franke, für das Gespräch!