Wenn die Hundeleine nicht funktioniert….

Negativ-Preis „Plagiarius“ rückt Schäden durch Plagiate und Fälschungen ins öffentliche Licht 

Globalisierung, digitale Kommunikation, das Internet und leichtgläubige Schnäppchenjäger – das sind die Haupttreiber für die explosionsartige Ausbreitung von Produkt- und Markenpiraterie. Dabei sind Plagiate und Fälschungen weder Kompliment noch Kavaliersdelikt. Für Fälscher ist es ein extrem lukratives Geschäftsmodell.

Der vom Designer Prof. Rido Busse schon 1977 ins Leben gerufene Negativ-Preis „Plagiarius“ wurde heute auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz zum 41. Mal verliehen. Der 1. Preisträger: Eine Roll-Hundeleine. Im Original von der Firma Bogdahn aus Bargteheide in Schleswig-Holstein produziert, finden gefälschte Produkte über diverse anonyme Online-Anbieter zu den leichtgläubigen Kunden. Die minderwertige Qualität (z.B. die nicht funktionierende Aufrollmechanik) führte in den USA bereits zu Kundenbeschwerden. Das Ganze fällt auf den Hersteller der Originale zurück. In Bargteheide macht man sich große Sorgen,denn: die Reputationsschäden sind enorm.

Die Täterstruktur der Nachahmer reicht dementsprechend vom einfallslosen Mitbewerber, über Kleinkriminelle bis hin zur organisierten Kriminalität und jüngst nachweislich auch hin zu Terrorgruppierungen.

„Plagiat / Fälschung“: Minimaler Input – Maximaler Profit –kein unternehmerisches Risiko 

Was einst mit laienhaften Kopierversuchen in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich in Zeiten von Internet und Globalisierung zu einer weltweit vernetzten und professionell agierenden Fälschungsindustrie entwickelt. Die Erscheinungsformen von Produkt- und Markenpiraterie sind dabei sehr vielfältig: von Markenfälschungen über Designplagiate und Technologieklau bis hin zu Raubkopien. Beim Plagiat kopiert der Nachahmer das Design und / oder die Technik eines erfolgreichen Produktes und verkauft dies dann unter seinem eigenen Namen. Er schmückt sich also mit fremden Federn. Bei der Fälschung übernimmt der Nachahmer zusätzlich den renommierten Markennamen des Originalherstellers. In diesem Fall beutet er dessen guten Ruf aus und (ent-) täuscht die Käufer, weil seine Fälschung nicht das Qualitätsversprechen des bekannten Markenprodukts hält. Erhebliche Reputationsschäden für den Markenhersteller sind die Folge. Erhältlich sind nachgemachte Waren mittlerweile in allen Preis- und Qualitätsabstufungen, von gefährlichen Billigfälschungen bis hin zu qualitativ hochwertigen Plagiaten, die dann aber auch kaum günstiger als das Originalprodukt sind. Gleich welche Form, Plagiate und Fälschungen passieren nicht „aus Versehen“. Die Nachahmer handeln vorsätzlich, skrupellos und rein aus Profitgier. Sie kopieren das fertige, am Markt erfolgreich etablierte Endprodukt und minimieren ihr eigenes unternehmerisches Risiko. Und oftmals auch ihre unternehmerische Verantwortung. Denn größtenteils verwenden sie nach wie vor minderwertige Materialien, verzichten auf Qualitäts- und Sicherheitskontrollen, produzieren unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und setzen billigend die Gesundheit der Fabrikarbeiter sowie der Verbraucher aufs Spiel. De facto sind die Geschäftsmodelle „Plagiat“ bzw. „Fälschung“ äußerst lukrativ, bei gleichzeitig geringem Risiko rechtlich belangt zu werden. Die Täterstruktur der Nachahmer reicht dementsprechend vom einfallslosen Mitbewerber, über Kleinkriminelle bis hin zur organisierten Kriminalität und jüngst nachweislich auch hin zu Terrorgruppierungen. Letztere nutzen u.a. Zigarettenschmuggel und den Handel mit Fälschungen für die Finanzierung ihrer terroristischen Aktivitäten. Für den weltweiten Vertrieb der illegalen Waren greifen Fälscherbanden meist auf vorhandene Strukturen aus Waffen-, Drogen- oder Menschenhandel zu.

Globalisierung, digitale Kommunikation, Internet – und leichtgläubige Schnäppchenjäger 

Das Internet und digitale Kommunikation sind aktuell hauptverantwortlich für die rasante Zunahme von Produkt- und Markenpiraterie. Obwohl internationale Polizeibehörden jährlich zehntausende Websites wegen Handel mit gefälschten Produkten erfolgreich schließen lassen, ist das Angebot rechtswidriger Marken- und Designprodukte ungebrochen hoch. Meist setzen die Betrüger ihr Geschäft binnen kürzester Zeit unter neuem Firmen- und Domainnamen erfolgreich fort. Und genau diese bequeme Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit großer Mengen vermeintlicher Markenprodukte zum Spottpreis aus aller Welt verführen zum Kauf. Getäuscht werden die Kunden u.a. mit Fotos der Originalprodukte sowie gefälschten Kundenbewertungen und Qualitätssiegeln. Leichtgläubige Schnäppchenjäger folgen zudem oftmals Empfehlungen aus sozialen Netzwerken und klicken allzu schnell und kritiklos auf „Kaufen“, ohne Impressum, Zahlungsbedingungen, Widerrufmöglichkeiten und die allgemeine Seriosität des Anbieters sorgfältig zu prüfen. Dabei ist es gerade beim Kauf im Internet wichtig, genau hinzusehen und auf seinen gesunden Menschenverstand zu hören. Experten der Verbraucherzentralen warnen z.B. bei auffallend fehlerhaften Texten und insbesondere bei „Vorkasse“ als einziger Zahlungsmöglichkeit vor dem Kaufabschluss. Denn die Erfahrung geprellter Käufer zeigt, dass eine Rückabwicklung des Geschäfts bei unseriösen Anbietern in der Regel nicht möglich ist. Die Betreiber von Fake-Shops verstecken sich erfolgreich hinter der Anonymität des World Wide Web und auch Anbieter auf großen Online-Marktplätzen benutzen häufig Scheinidentitäten und wechseln teils täglich ihre Accounts. Viele Markenhersteller stellen auf ihrer Website zum Schutz der Verbraucher vor Betrügern eine Übersicht autorisierter Händler zur Verfügung. Erschre- ckenderweise zeigen selbst führende Marktplatzbetreiber (z.B. Amazon USA) keine ernsthaften Anstrengungen, um Markenhersteller im Kampf gegen illegale Angebote zu unterstützen.

Käufer von Plagiaten und Fälschungen verantwortlich für Erfolg der Betrüger

Wenn es darum geht, Plagiate und Fälschungen zu erwerben, messen Konsumenten oftmals mit zweierlei Maß: Das vermeintliche Schnäppchen vor Augen, lösen sich alle Skrupel in Luft auf und es wird nicht mehr nach Sozialstandards in den Fälscherwerkstätten gefragt. Allgemein ist bei der Be- wertung von Plagiaten und Fälschungen immer die Perspektive ausschlaggebend. Gleich ob Unternehmer oder Verbraucher, Täter spielen das Problem als harmloses Kavaliersdelikt herunter, weil sie Nutznießer der Umstände sind. Ist man aber selbst Opfer eines Betrugs und erleidet finanziel- len oder gesundheitlichen Schaden, ändert sich diese Einschätzung schlagartig. Original und Plagiat sind eben nur auf den ersten Blick täuschend ähnlich. Verbraucher dürfen sich nicht blauäugig der Illusion hingeben, dass gleiches Aussehen automatisch auch die gleiche Qualität, Funktionalität, Prä- zision und Sicherheit bedeutet. Da Märkte sich über Angebot und Nachfrage regeln, trägt jeder Konsument eine erhebliche Verantwortung. Wer bewusst Plagiate und Fälschungen kauft, schwächt nicht nur gezielt die jeweiligen Markenhersteller, er unterstützt u.a. auch Kinderarbeit und kriminelle Machenschaften.

Kopieren kann jeder, Neues kreieren nicht – Mehr Wertschätzung fürs Original

Für die betroffenen Originalhersteller sind ungerechtfertigte Reputationsschäden, hervorgerufen durch minderwertige Plagiate und Fälschungen, meist noch gravierender als die tatsächlichen finanziellen Schäden aufgrund nicht realisierter Umsätze. Denn enttäuschte Kunden wenden sich möglicherweise von der Marke ab und beeinflussen weitere Kunden mit ihren Negativäußerungen. Produktentwicklung ist aber ein zeit- und kostenintensiver Prozess und in jedem neuen Produkt stecken viel Kreativität, Know-how und Herzblut. Für Markenhersteller ist es daher enorm wichtig, dass Käufer ihre Produkte und die dahinter stehende schöpferische Leistung wieder stärker wert- schätzen. Sie müssen die Verbraucher für ihr Originalprodukt begeistern und sie vom Mehrwert gegenüber optisch identischen, aber minderwertigen Plagiaten und Fälschungen überzeugen. Markenhersteller sollten daher nicht nur in Markenschutz, sondern verstärkt auch in Verbraucherschutz und Verbraucheraufklärung investieren, um mehr Bewusstsein für die Problematik zu schaffen.

Zoll unterstützt Firmen und Verbraucher im Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie 

Laut EU-Kommission haben die EU-Zollbehörden allein 2015 mehr als 40 Millionen rechtsverletzende Produkte im Wert von mehr als 650 Millionen Euro an den EU-Außengrenzen beschlagnahmt – ein Plus von 15% gegenüber 2014. Die Mehrheit der festgehaltenen Waren kam auch 2015 aus China und Hongkong. Zu den Herkunftsländern gehörten u.a. auch die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Indien. Die EU-Zoll-Statistiken können aber nur einen Teil des weltweiten Problems zeigen. Fakt ist, dass sich viele asiatische Firmen von der verlängerten Werkbank des Westens hin zu ernsthaften Mitbewerbern auf den Weltmärkten entwickelt haben, die selbst gewerbliche Schutzrechte anmelden und diese konsequent gegen Nachahmer durchsetzen. Hinzu kommt, dass die Auftraggeber bzw. Importeure von Plagiaten oftmals aus Industrieländern kommen. Auch unter den Nominierten für den Negativ-Preis „Plagiarius“ befinden sich seit Jahren immer mehr europäische Firmen, häufig stammen der Originalhersteller und der vermeintliche Plagiator sogar aus demselben Land. Und zunehmend handelt es sich bei den Nachahmern um ehemalige Produktions- oder Vertriebspartner. Sehr gezielt prüfen die Täter heutzutage bei erfolgreichen Produkten von Mitbewerbern die Existenz von gewerblichen Schutzrechten. Sind keine Schutzrechte eingetragen, werden ohne Skrupel 1:1 Plagiate hergestellt. Für eine bestmögliche Abwehr von Produkt- und Markenpiraterie sollten Firmen auf eine ganzheitliche Strategie aus juristischen, organisatorischen und technischen Maßnahmen setzen.

Quelle und weitere Informationen: Aktion Plagiarius e.V., info@plagiarius.com, www.plagiarius.com