„Wir brauchen einheitliche Standards!“

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Das Paketvolumen wird innerhalb der nächsten zehn Jahre von derzeit 2,3 Milliarden auf über 4 Milliarden Pakete wachsen. Ein nachhaltiger Trend. Schon in den vergangenen zwanzig Jahren ist die Zahl der in Deutschland transportierten Pakete um über 120 Prozent gestiegen. Doch der Hype führt an mehreren Stellen auch zu Problemen.

Das transportierte Paketvolumen in Deutschland steigt und steigt. „Big business“ für die KEP-Branche, also die Kurier-, Express und Pakettransportunternehmen. Der Umsatz der Pakettransportunternehmen lag 2015 bei 9,6 Milliarden Euro – ein Wachstum von sieben Prozent allein in einem Jahr.

Rund 1,25 Milliarden Sendungen (2014: 1,15 Mrd.; +8,6 Prozent) wurden im Jahr 2015 an deutsche Haushalte ausgeliefert. Hinzu kommt der nicht zu unterschätzende sogenannte „B2B“-Markt, also „business to business“ – die Lieferungen von Produkten zu weiterverarbeitenden Betrieben.

Es brummt also, wie auch die neueste Studie des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (bevh) in Zusammenarbeit mit der MRU GmbH zeigt. Derzeit teilen sich relativ wenige „Platzhirsche“ den hoch attraktiven Wachstumsmarkt untereinander auf. DHL ist mit 49 Prozent Volumenanteil der führende Anbieter, gefolgt von DPD (16 Prozent), Hermes (14 Prozent), UPS (13 Prozent) und GLS (8 Prozent). Dieses Oligopol beliefert in Innenstadtlagen, wie zum Beispiel in Berlin-Gesundbrunnen, rund 15.000 Menschen pro Quadratkilometer – Tendenz stark steigend. Vor allem dann, wenn sich die Akzeptanz für die Lieferung von Lebensmitteln und Getränken weiter etabliert. Hier ist Deutschland noch Entwicklungsland. Von den Anteilen am Paketvolumen wie in den USA (7 Prozent) ist Deutschland (1 Prozent) noch weit entfernt.

„Das wird sich sicher ändern“, so Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des bevh. „Früher war die Stimmung bei den Kunden eher so, dass Kleidung immer erst anprobiert werden musste – ein klarer Vorteil für den stationären Einzelhandel. Heute stellt Bekleidung den weitaus größten Anteil an der Produktpalette im Distanzhandel. Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei Lebensmitteln zu erwarten.“

Warum dieser Boom? 

Weil er attraktiv für alle Beteiligten ist. Für die Produzenten, die durch direct shipment direkt an die Kunden (und ihr Geld kommen). Für die Händler, die die Waren günstig lagern können statt hohe Mieten für Verkaufsräume und Präsentationsflächen in teuren Einkaufsstraßen zu zahlen. Letztendlich gibt der Kunde den Trend vor, der immer mehr bestellt, anstatt sich durch volle Innenstädte zu quälen, um nachher die Ware selbst nach Hause transportieren zu müssen. Allerorten schießen also neue Angebote aus dem Boden. Neue Logistikanbieter, neue Onlineportale – nirgendwo im Distanzhandel ist ein Rückschritt zu verzeichnen. Nur Gewinner also im Mega-Milliarden-Geschäft mit dem guten alten Paket aus Pappe?

Risiken und Nebenwirkungen

„Zunehmend wird klar, dass Paketdienste unter Druck geraten. Logistik funktioniert effizient bei einem hohen Standardisierungsgrad. Gleichzeitig verlangen Kunden jedoch eine immer individuellere und flexiblere Lösung. Ein Widerspruch in sich“, so Wenk-Fischer. Ob Lieferung am Bestelltag, feste Lieferzeiten und -orte oder die steigenden Retourenquoten – alles drückt auf die Marge der Logistiker. Hinzu kommt der größere Konkurrenzdruck. Derzeit liegt der Durchschnittspreis für die Auslieferung eines Paketes innerhalb Deutschlands lediglich bei 2,66 bis 2,75 Euro. Ein höheres Paketvolumen wird nicht heißen, dass Kunden höhere Paketpreise zahlen wollen. Im Gegenteil: Konkurrenz belebt das Geschäft und drückt die Preise.

Und nicht nur das Geschäft wird belebt, auch die Straßen. Schon jetzt werden die zahlreichen Kuriere und Auslieferfahrzeuge in den Städten und Wohnsiedlungen zum Problem. Es ist nicht selten, dass für drei Pakete am gleichen Tag und für den gleichen Haushalt drei verschiedene Logistiker zu unterschiedlichen Zeiten an der Tür klingeln. Doch die Kommunen wie auch die Branche selbst schaffen Abhilfe. Inzwischen etablieren sich betreiberunabhängige Verteilerpunkte in den Innenstädten, bezahlt von den Logistikunternehmen. Die Verteilerpunkte werden dann von unabhängigen Dienstleistern betrieben, die von der einfachen Paketbox bis hin zu Filialen mit Anprobemöglichkeiten ihre zentralen Verteilerpunkte in den Städten einrichten. Gut möglich, dass die berühmte „letzte Meile“ zum Kunden von diesem in Zukunft mehr und mehr selbst bewältigt werden kann.

Der Hauptgeschäftsführer des bevh warnt: „Die Branche wächst stark, aber im Hintergrund ist sie damit auch belastet.

Eine Lieferkette funktioniert nämlich nur dann, wenn alle Glieder reibungslos ineinandergreifen. „Und hier liegt eines der Hauptprobleme. Immer mehr Player und höherer Margendruck fordern auch die Sicherheit heraus.“

Jeder Übergang von einem Dienstleister zum nächsten ist ein potentielles Sicherheitsrisiko. Hier kann Ware abhandenkommen oder gefälschte Ware in die Lieferkette eingespeist werden. „Zwingend notwendig ist daher ein offener und einheitlicher Standard, der allen Beteiligten den Zugang zum Markt ermöglicht und Sicherheit liefert“, so Christoph Wenk-Fischer.

Aktuell sieht die Situation jedoch anders aus. Dominierende Unternehmen wie DHL und Amazon bieten die gesamte Prozesskette vom Onlineshop bis zur Auslieferung an der Haustür an und haben hausinterne Standards entwickelt. Wer hier als Dienstleister „mitspielen“ will, muss diese übernehmen oder ist raus aus dem Geschäft. Das schadet der Branche, denn innovative Drittanbieter, neue Konzepte und bessere Sicherheitsstandards können sich nur dann etablieren, wenn sie von den „Platzhirschen“ eingeführt werden. „Dieses Hemmnis müssen wir beseitigen. Dazu brauchen wir den politischen Willen und klare Rechtsgrundlagen“, schließt Wenk-Fischer. Ein Ziel, das auch die „Initiative Innovationskraft für Sicherheit in der Wirtschaft“ (IISW) im Fokus hat.

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