„Zeit, dass sich Digitalisierung der Lieferkette auch in der Luftfracht durchsetzt“

• IN

Die Luftfracht ist ein bedeutender Bestandteil der globalen Logistikkette: Obwohl sie, gemessen an der Gesamtmenge, mit zwei Prozent nur ein vergleichsweise kleines Segment des internationalen Gütertransports abwickelt, macht sie rund ein Drittel des entsprechenden Warenwertes aus. Durch die weitere Digitalisierung der Lieferketten verspricht sich der Branchenverband Aircargo Club Deutschland (ACD) effizientere, schnellere und sicherere Lieferprozesse, sagt ACD-Präsident Winfried Hartmann im Interview mit der IISW.

Herr Hartmann, der Aircargo Club fordert Investitionen der Luftfrachtunternehmen in die Digitalisierung der Lieferketten. Was gilt es konkret zu verbessern?

Zunächst einmal ist festzustellen: Es gibt eine Gesamtverantwortung für den vom Kunden beauftragten Güterversand, auch wenn die Luftfrachtkette in Teilprozesse gegliedert ist. Daher ist eine digitale Vernetzung der einzelnen Zulieferer unabdingbar, um die Behandlung der Fracht transparenter und damit schneller zu machen. Auf mögliche Verzögerungen und Fehler kann so schneller reagiert werden und das ist im Interesse der Kunden.

Gibt es Länder/ Regionen aus dem internationalen Wettbewerb, die hier schon weiter sind – und warum ist das so?

In Europa ist das Luftfrachtgeschäft auf eine Vielzahl von Marktteilnehmern aufgeteilt. In anderen Märkten wie zum Beispiel in Mittel- und Fernost ist das nicht so. Dort gibt es dominierende Player, die leichter Standards der Digitalisierung durchsetzen konnten. In unseren Breitengraden haben sich die Digitalisierungsanstrengungen vor allem auf den jeweils eigenen Verantwortungsbereich beschränkt.

Im Prinzip sind die der Lieferketten-Digitalisierung zugrundeliegenden Technologien wie Track & Trace ja schon einige Jahre auf dem Markt beziehungsweise im Einsatz, zum Beispiel bei den großen Unternehmen aus der Logistikbranche. Warum dauert es aus Ihrer Sicht so lange, bis sich diese Technologien (als Standard) in der gesamten Lieferkette etablieren?

Wie bereits angesprochen lag der Fokus auf der Optimierung der jeweils eigenen Teilprozesse bei der Luftfrachtabfertigung. Dies kann dann zu Mehrarbeit im Folgeschritt führen, wenn zum Beispiel nicht synchronisiert vom Luftfracht-Spediteur bei der Fluggesellschaft angeliefert wird oder von Behörden noch Dokumente in Papierform gefordert sind, obwohl sie bereits als digitale Information vorliegen. Diese nach wie vor existierende Schwäche der klassischen Luftfracht haben sich Expressdienste wie DHL, FedEx oder UPS zunutze gemacht und integrierte Prozesse implementiert. Nun drängen auch Versandhändler wie Amazon in diesen Markt, die neben der Bestellung auch gleich den Versand mit anbieten wollen. Es ist also höchste Zeit, dass sich die Digitalisierung der Lieferkette auch bei der klassischen Luftfracht über alle Teilprozesse durchsetzt!

Die Luftfrachtunternehmen transportieren vor allem zeitkritische, schnell verderbliche und teure Fracht. Warum ist der Transport von wertvollen Produkten per Luftfracht besonders sicher – und wie wird sich die weitere Digitalisierung auf die Sicherheit in der Lieferkette auswirken?

Durch die Transparenz im gesamten Lieferprozess wird die Luftfracht nicht nur effizienter und schneller, sondern auch sicherer, davon bin ich überzeugt. Sicherer auch in dem Sinne, dass es weniger Ausschuss bei temperaturgeführten Waren wie Pharmazeutika und anderen verderblichen Gütern gibt.

Aktuell hat die Bundesregierung mit der Reform des Luftsicherheitsgesetzes „sichere Lieferketten“ und gründlichere Überprüfungen von Arbeitnehmern in sicherheitsrelevanten Bereichen beschlossen. Wie bewerten Sie die gesetzliche Neuregelung? Sind Auswirkungen auf die deutsche Luftfrachtbranche zu erwarten?

Grundsätzlich ist ein Überdenken der bestehenden Regelungen zu begrüßen. Wir alle wollen sichere Luftfracht. Kritisch sehe ich jedoch, dass die damit verbundenen zusätzlichen Kosten wieder auf den Luftfrachtprozess abgewälzt werden. Das macht die Luftfracht in Deutschland zusammen mit den bekannten Belastungen wie der Luftverkehrssteuer weniger konkurrenzfähig.

Herr Hartmann, vielen Dank für das Gespräch!

KOMMENTAR HINTERLASSEN