“Plagiatschutz beginnt schon bei der Produktentwicklung”

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Mit immer komplexeren Wertschöpfungsketten nehmen auch die Risiken und Bedrohungen durch die Organisierte Kriminalität deutlich zu. Die IISW sprach mit Dr. Ulrich Franke, Gründer und Leiter des Institute for Supply Chain Security (ISCS), über aktuelle Entwicklungen im Bereich der Marken- und Produktpiraterie und darüber, wie Unternehmen sich am besten dagegen schützen.

Herr Dr. Franke, die Wirtschaftskriminalität boomt, vor allem die Marken- und Produktpiraterie nimmt weiter stark zu. Welche Trends und aktuellen Entwicklungen sind hier zu beobachten?

Ich glaube, mittlerweile ist es nicht mehr überraschend, festzustellen, dass im Prinzip heute alles gefälscht wird – vom Maggi-Würfel bis hin zu Arzneimitteln aller Preisklassen. Grundsätzlich kann man zwei Arten gefälschter Produkte differenzieren: Zum einen die wirklichen Endprodukte, die an den Verbraucher beziehungsweise Nutzer verkauft werden. Diese mischen sich oftmals mit Originalprodukten auf Internetverkaufsplattformen und sind für den Käufer als Plagiate nicht mehr zu erkennen. Oftmals wissen sogar die Online-Händler nicht, ob sie Original- oder Plagiatware gekauft und an ihre Kunden weiterverkauft haben. Der zweite große Trend ist, dass immer mehr Zukaufteile als Plagiate in Endprodukte schon bei der Fertigung eingebaut werden. So kommt es immer wieder vor, dass im Transportprozess vom Lieferanten zum Hersteller die originalen Zulieferteile gegen Plagiate ausgetauscht werden. Die gestohlenen Zulieferteile werden dann als Originalersatzteile wieder in legale Lieferketten eingeschleust. Solange keiner diesen Austausch entdeckt, können die Kriminellen ungehindert weitermachen.

Wir haben es gerade gehört: Besonders gefährlich wird es, wenn Plagiate als Zukaufteile von Zulieferern in die Produktion und die Wertschöpfungsketten eingehen. Welche Folgen kann die „Infiltrierung von Plagiaten“ für die betroffenen produzierenden Unternehmen, aber beispielsweise auch für den weiterverkaufenden Groß- und Einzelhandel haben?

Das Verbauen von gefälschten Teilen in Originalprodukte ist ein existenzbedrohendes Risiko für Hersteller und Händler. Neben der Produkthaftpflicht und dem konkreten Anspruch auf Schadensersatz sind in der Regel Vertrauens- und Reputationsverluste der Unternehmen oder der Marke die Folge. Man kann sich die Katastrophe für ein Handelsunternehmen vorstellen, wenn publik werden würde, dass es beispielsweise gefälschtes Parfüm verkauft oder ein Automobilhersteller gefälschte Bremsscheiben in seine Autos eingebaut hat. Daher ist es für Industrie-, Handels- und Logistikunternehmen extrem wichtig, ein professionelles Supply Chain Security Management zu betreiben, vorzugweise zertifiziert nach der ISO 28000.

Wie sieht es in so einem Fall für die Konsumenten aus, zum Beispiel wenn es zu Schäden durch ein Plagiat kommt? 

Das kommt ganz darauf an, in welchem Rechtsraum der Kaufvertrag geschlossen wurde. So ist es in den letzten Jahren zu beobachten, dass immer mehr Onlinehändler, auch wenn sie deutschsprachige Internetshops betreiben, irgendwo im Ausland sitzen und von dort die Ware versenden. Daher kann es schwierig sein, diese ausländischen Unternehmen in Regress zu nehmen. In Deutschland sieht es da schon besser aus. Kauft der Konsument ein Endprodukt mit einen gefälschtem Teil bei einem Händler, so kann er, basierend auf dem deutschen Kaufvertrag, gegenüber dem Händler Gewährleistungsansprüche gelten machen. Der Händler kann dann wiederum den Hersteller in Regress nehmen und dieser wieder seinen Lieferanten und so weiter. Für den Letzten in der Kette wird es dann eng, mitunter existenziell.

Experten sagen, Plagiatschutz beginne schon bei der Produktentwicklung. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen, „neuralgischen“ Punkte, die bereits bei der Planung einer möglichst sicheren Supply Chain berücksichtigt werden sollten?

Ja, auf jeden Fall – schon bei der Produktentwicklung, bei der Auswahl der Materialien, der zukünftigen Lieferanten, Transportwege und Lagerstandorte sollte das Risiko der Infiltrierung von Plagiaten in die legalen Lieferketten berücksichtigt werden. Ein sehr neuralgischer Punkt im Supply Chain Design ist die Frage nach „Make or Buy“. Entscheidet man sich für „Buy“, stellt sich die Frage der Verlässlichkeit des potentiellen Lieferanten und Logistikdienstleister. Zu beurteilen sind dabei die Fähigkeiten der involvierten Unternehmen zur Abwehr krimineller Angriffe (IT und physische Angriffe) von außen sowie die interne Integrität dieser Wertschöpfungspartner.

Während Hersteller von großen Gütern, wie zum Beispiel von teuren Industriemaschinen oder ihrer Komponenten, vor allem auf „Embedded Security“ setzen, scheint für Markenartikler eine Absicherung der Supply Chain mittels „Track & Trace“ der geeignetere, weil praktikablere Weg zu sein. 

Diese technischen Hilfsmittel sind sicherlich gute Instrumente, um Produkte und Lieferketten sicherer zu machen. Aber auf der anderen Seite glauben viele Unternehmen, mit solchen technischen Lösungen das Problem gelöst zu haben und somit aus der Verantwortung zu kommen. Zum Beispiel werden mehr als 50 Prozent der kriminellen Schäden in Unternehmen durch die eigenen Mitarbeiter verursacht oder zumindest begünstigt. Daher ist es für Unternehmen zunächst einmal wichtig, ein risikobasiertes Supply Chain Security Management System zu etablieren um dann in verschiedenen Bereichen auf den unterschiedlichen Ebenen entlang der gesamten Lieferketten (von end-to-end) die geeigneten und wirtschaftlich sinnvollen Maßnahmen zu ergreifen. Die Investition in technische Hilfsmittel, wie beispielsweise Track & Trace-Technologien, ist dann eine verifizierte Entscheidung.

Warum ist Track & Trace bei seinem Nutzen für alle Seiten noch nicht allgemeiner Standard zur Absicherung der Supply Chain? Im Prinzip sind die Track & Trace zugrundeliegenden Technologien ja schon ein paar Jahre im Einsatz, zum Beispiel im Logistikbereich?

Ja und nein! Ja, es gibt seit langem Track & Trace-Systeme in der Logistik zur Steuerung von Transport- und Lagerprozessen, ich denke da beispielsweise an „Just-in-Time-Produktionen“. Da funktionieren diese Systeme auch schon sehr gut. Sprechen wir über Wirtschaftskriminalität und Produkt- und Markenpiraterie, haben wir es mit einer extrem hochprofessionellen organisierten Kriminalität zu tun. Aufgrund der extrem hohen Profitmargen und des relativ geringen Risikos verfügen diese kriminellen Gruppen über enorme finanzielle Ressourcen. Daher brauchen wir smarte Track & Trace-Systeme mit einem extrem hohen IT-Standard, gepaart mit weiteren sichtbaren und unsichtbaren Sicherheitsmerkmalen, die entlang der gesamten Lieferkette immer wieder gescannt und auf Plausibilität geprüft werden. Eine reine Kontrolle von Seriennummern am Ende der Supply Chain beim Händler oder durch den Kunden reicht nicht aus.

Herr Dr. Franke, vielen Dank für das Gespräch!

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