Das Milliardengeschäft mit der Gesundheit

Pangea nennt man den Superkontinent, der vor Millionen von Jahren noch die gesamte Landmasse des Planeten umfasste. Folgerichtig trägt die weltumspannende Interpol-Aktion gegen Arzneimittelkriminalität ebenfalls diesen Namen. Anfang Juni stellten dabei Fahnder aus 103 Ländern weltweit 12,2 Millionen gefälschte Medikamente sicher.

193 Polizei-, Zoll- und Gesundheitsbehörden gingen vor wenigen Wochen zum bereits neunten Mal in einer konzertierten Aktion weltweit gegen den illegalen Handel von medizinischen Produkten und Geräten vor. Das Ergebnis: 393 Verhaftungen und die Beschlagnahmung von potenziell gefährlichen Medikamenten im Wert von 53 Millionen US-Dollar. So groß der Erfolg scheint, es gibt auch Anlass zur Kritik, denn Pangea war keine Pflichtveranstaltung. Das G20-Mitglied Brasilien beispielsweise nahm aus Mangel an verfügbaren Kapazitäten nicht teil.

Themen dieser Art wurden auf der internationalen Fachtagung zur Bekämpfung der Arzneimittelkriminalität laut, die vom Zentrum für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (ZEIS) durchgeführt wurde.     „Es geht um einen Tag im Jahr und trotzdem haben die Länder keine Möglichkeit teilzunehmen?“, so eine Teilnehmerin.

Dabei ist Arzneimittelkriminalität nicht nur ein weltweites Phänomen, sondern ebenso vom Volumen her signifikant. Experten gehen davon aus, dass jedes zweite über das Internet vertriebene Medikament gefälscht ist. Darüber hinaus geht es in diesem Bereich nicht nur um den Handel mit Arzneimittelfälschungen oder nicht zugelassenen Medikamenten, sondern auch das um Doping im Leistungssport sowie den illegalen Einsatz von Tierarzneimitteln beim Menschen. So kommen mehr und mehr illegale Medikamente auf den Markt und gefährden die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung.

Attraktive Bedingungen für Kriminelle

Gründe für den florierenden Markt sind vor allem der geringe Kontrolldruck durch Behörden und die geringen Strafen. So werden beispielsweise im Hamburger Hafen lediglich zwei Prozent der umgeschlagenen Container überhaupt kontrolliert. Und selbst wenn es zu einem Fahndungserfolg kommt, fallen die Strafen vergleichsweise mild aus. Die Gewinnmargen sind bei Medizinprodukten dabei besonders hoch: Schätzungen zufolge wird durch Fälschungen jährlich ein Umsatz von weltweit 75 Milliarden US-Dollar erzielt. Allein der deutschen Wirtschaft entsteht durch Medikamentenfälschungen laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung jährlich ein geschätzter Schaden in Höhe von rund fünf Milliarden Euro. Prof. Dr. Arndt Sinn, Leiter des ZEIS, beschreibt die hohen Gewinne an einem Beispiel: „Die Rohstoffkosten für jeweils 1 Kilogramm Kokain betragen etwa 1.000 Euro. Demgegenüber betragen die Beschaffungskosten beispielsweise für den Wirkstoff Sildenafil, der im Arzneimittel Viagra enthalten ist, nur ca. 50 Euro pro Kilogramm. Bei Kokain lassen sich pro Kilogramm ca. 65.000 Euro erlösen. Bei Potenzprodukten lassen sich pro Kilogramm des Arzneimittels ca. 90.000 Euro an Einnahmen erwarten.“

DSC_0216

Professor Arndt Sinn, ZEIS Osnabrück

Am gefährlichsten sind dabei nicht die gefälschten Produkte mit den richtigen Inhaltsstoffen, sondern diese, in denen aus Kostengründen wirkungslose Streckmittel wie Maisstärke oder Traubenzucker oder sogar gesundheitsgefährdende Mittel, wie zum Beispiel Plastikschrott, verarbeitet werden. „So muss es auch nicht verwundern, dass im Fokus der Fälscher die Produkte stehen, die hohen Profit versprechen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind dies Lifestyle-Medikamente, aber eben auch Arzneimittel gegen Krebserkrankungen, HIV oder Diabetes sowie Malariamittel“, so Sinn.

China und Indien als Herkunftsländer

Doch woher kommen die Medikamente? Kirstin Smolka vom Zollkriminalamt Köln nennt China und Indien als Hauptherkunftsländer. „China ist wichtig bei allen klassisch gefälschten Produkten, wenn es um die Verletzung des Markenschutzes geht“, so Smolka. Die wesentlichen Sicherstellungszahlen umfassen aber nicht nur die markenrechtliche, sondern auch die arzneimittelrechtliche Dimension. Dort stehen die in Deutschland gar nicht erst zugelassenen Medikamente im Fokus – überwiegend Generika. Smolka: „Hier ist Indien das Hauptherkunftsland. In Indien wird eben nicht viel gefälscht, aber von dort kommen viele in Deutschland nicht zugelassene Produkte.“

Warum sich Deutschland schwer tut bei der Bekämpfung der Arzneimittelkriminalität, weiß Jürgen Storbeck, Gründungsdirektor von Europol: „Die Strafverfolgung entwickelt sich viel zu langsam. Doping ist ein großes Problem. Man hat keinen Großplan, um so etwas zu verfolgen.“ Meist stoße man bei der Verfolgung von kriminellen Gruppierungen eher zufällig auf Delikte aus dem Bereich der Arzneimittelkriminalität. „Aber es gibt bisher keinen strategischen Ansatz“, so Storbeck. Durch die Europäische Sicherheitsagenda soll der Ansatz dahingehend verändert werden, dass man sich auf einzelne Kriminalitätsbereiche konzentriert. Doch Jürgen Storbeck ist sich sicher: „Solange kein politischer Druck dahinter ist, passiert auch wenig. Und dieser Druck muss aus der Gesellschaft kommen.“

Unternehmen werden selbst aktiv

Inzwischen sind Arzneimittelhersteller, Pharmagroßhändler und Apotheken in Deutschland für den Schutz des Patienten aktiv geworden und haben im Rahmen der Inititative securPharm ein System entwickelt, mit dem sich künftig die Echtheit von Arzneimitteln in der Apotheke prüfen lässt. Das System setzt die Vorgaben einer EU-Fälschungsschutzrichtlinie von 2011 um, die sich auf die Echtheitsprüfung von Arzneimitteln auf Verpackungsebene beziehen. securPharm hat sich für ein Ende-zu Ende-Kontrollsystem entschieden, bei dem der pharmazeutische Hersteller mit der Codierung ein Sicherheitsmerkmal erzeugt, das am anderen Ende der Lieferkette überprüft wird. Die Echtheit des Arzneimittels wird dabei in der Apotheke vor der Abgabe an den Patienten geprüft. Dazu wird ein spezieller Code gescannt und die darin enthaltenen Daten mit der Datenbank der pharmazeutischen Unternehmer abgeglichen, in der alle Schritte des Produktionsprozesses des entsprechenden Medikaments abgebildet sind. Das System gibt dem Verkäufer dann einen Hinweis über die Echtheit des Produktes: Ist die Seriennummer in der Datenbank vorhanden, kann die Packung abgegeben werden. Nathalie Steinhauser von securPharm: „Ab Februar 2019 dürfen in Deutschland nur noch verschreibungspflichtige Arzneimittel in Verkehr gebracht werden, die die neuen Sicherheitsmerkmale tragen.“

Prof. Dr. Karlhans Liebl von der Hochschule der Sächsischen Polizei mahnt die Unternehmen weiterhin zur Eigeninitiative: „Fälschungen lassen sich nicht am Preis erkennen. Viele gefälschte Produkte suchen die preisliche Nähe zu den Originalprodukten, um einen Verdachtsmoment zu beseitigen.“ Kunden und selbst Ärzte haben meist nur geringe Möglichkeiten, Original und Fälschung zu unterscheiden. Viele sind auch zu wenig sensibilisiert. Liebl: „Selbst bei einem Todesfall ziehen Ärzte gefälschte Arzneimittel oft nicht als mögliche Todesursache in Erwägung.“ Hier müsse noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden – durch Politik, Unternehmen und Verbände. Wahrscheinlich nehmen noch viele Opfer gefälschter Arzneimittel ihr Geheimnis mit ins Grab.

Fotos: Interpol, ZEIS Osnabrück

KOMMENTAR HINTERLASSEN